Daoismus (Taoismus)
Der Daoismus (chin. dàojiào = Lehre des Weges),
auf Deutsch auch: Taoismus, ist eine chinesische Philosophie und
Religion und wird als Chinas eigene und authentisch chinesische
Religion angesehen. Seine historisch gesicherten Ursprünge
liegen im 4. Jh. v. Chr., als das Daodejing (in älteren Umschriften:
Tao te king, Tao te ching ...) des Laozi (Laotse, Lao-tzu) entstand.
Neben Konfuzianismus und Buddhismus
ist der Daoismus eine der "Drei Lehren", die China maßgeblich
prägten. Trotz zum Teil sehr unterschiedlicher Auffassungen
konnten sie im chinesischen Geistesleben zu einer Tradition verschmelzen.
Sie werden deshalb auch unter dem Begriff "Chinesischer Universismus"
zusammengefasst. Auch über China hinaus haben die Drei
Lehren wesentlichen Einfluss auf Religion und Geisteswelt
der Menschen ausgeübt.
In China beeinflusste der Daoismus die Kultur in den Bereichen
der Politik, Wirtschaft, Philosophie, Literatur, Kunst, Musik,
Medizin, Ernährungskunde, Chemie, Kampfkunst und Geographie.
Aufgrund der verschiedenen Ausprägungsformen und der unklaren
Abgrenzung zu anderen Religionen ist die genaue Anzahl der Anhänger
des Daoismus nur schwierig zu erfassen. Besonders viele Daoisten
leben heute in Taiwan.
Wann genau die daoistische Lehre entstanden ist, bleibt unklar.
Die daoistische Lehre greift viel Gedankengut auf, das in China
zur Zeit der Zhou-Dynastie (1040-256 v. Chr.) weit verbreitet war.
Dazu gehören die kosmologischen Vorstellungen von Himmel und
Erde, die Fünf Wandlungsphasen, die Lehre vom Qi (Energie),
Yin und Yang und das Yi jing (I Ging), aber auch die Tradition der
Körper- und Geisteskultivierung, die mit Atemkontrolle und
anderen Techniken wie Taiji und Qigong, Meditation, Visualisation
und Imagination, Alchemie und magischen Techniken Unsterblichkeit
erreichen wollte. Die Suche nach Unsterblichkeit geht wahrscheinlich
auf sehr alte Glaubensinhalte zurück, denn im Zhuangzi, einem
daoistischen Klassiker aus dem 4. Jh. v. Chr. werden bereits die
Xian erwähnt, die Unsterblichen, deren wichtigste der gelbe
Kaiser, Huangdi und die Königinmutter des Westens, Xiwangmu,
sind, Gestalten, die schon in der Shang-Zeit im 2. Jahrtausend v.Chr.
nachzuweisen sind.
| 1.1 Laozi und
das Daodejing |
Ob es einen Denker namens Laozi wirklich gegeben hat, wird heute
bezweifelt. Im Daoismus wird ihm das Daodejing (der Leitfaden
vom Dao und vom De) zugeschrieben. Seine Biographie ist von Legenden
umrankt und äußerst umstritten. Er soll zur Zeit der
streitenden Reiche im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben, die
von Unruhen und Kriegen geprägt war. Sie stellt eine Blütezeit
der chinesischen Philosophie dar, da viele Gelehrte sich Gedanken
machten, wie wieder Frieden und Stabilität erreicht werden
könnten. Man spricht daher auch von der Zeit der Hundert
Schulen. Das Daodejing enthält eine solche Lehre, die sich
an den Herrscher richtet und Frieden hervorrufen will.
Das Daodejing wird auch mit dem Namen seines legendären
Verfassers "Laozi" bezeichnet. In seiner heutigen Form
wird es in zwei Bücher mit insgesamt 81 Kapiteln unterteilt.
Der erste Teil behandelt das Dao, der zweite das De. Das Buch
stellt jedoch keine logisch aufgebaute Konstruktion einer Weltanschauung
dar, sondern erscheint vielmehr als eine ungeordnete Sammlung
mystischer und dunkler Aphorismen, die zu eigener, subjektiver
Interpretation anregen. Daher entstanden im Lauf der Zeit auch
mehrere hundert Kommentare, die den Text auslegen, sowie hunderte
Übersetzungen.
Ganz anders ist dagegen das Nanhua zhen jing, "Das wahre
Buch vom südlichen Blütenland" geschrieben. Es
wurde im 4. Jh. v. Chr., kurz nach der Entstehung des Daodejing,
von Zhuangzi (Dschuang Dsi, Chuang-tzu, etwa 369-286 v. Chr.)
verfasst, nach dem es auch "Zhuangzi" genannt wird.
In ihm wird das Wesen des Daoismus in oft paradoxen Parabeln und
Anekdoten erläutert, in welche philosophische Diskussionen
eingeflochten sind. Zhuangzi greift dabei einige Vorstellungen
vom Daodejing auf, weist aber andere weit von sich - so ist zum
Beispiel von der politischen Zielsetzung des Laozi bei ihm nichts
mehr übrig. Der weltabgewandte Weise ist hier das Idealbild.
Wie beim Daodejing ist auch hier die Autorschaft umstritten. Zwar
ist Zhuangzi mit Sicherheit eine historische Persönlichkeit,
das Buch wurde aber wahrscheinlich in großen Teilen von
seinen Schülern zusammengetragen.
Zur Zeit des Laozi und des Zhuangzi ist weder eine philosophische
noch eine religiöse Organisation greifbar, die man Daoismus
nennen könnte. Es gibt nur vereinzelte Texte, die von daoistischem
Gedankengut zeugen und die später, als sich daoistische Organisationen
gründeten, als kanonische Schriften aufgefasst wurden. Jedoch
ist unstrittig, daß sich diese Texte im Zusammenhang mit
religiösen Praktiken und Glaubensinhalten entwickelten.
| 2 Daoismus als Philosophie |
|
| 2.1 Exkurs: philosophischer vs.
religiöser Daoismus |
|
Die Unterscheidung zwischen Daoismus als Religion bzw. als Philosophie
ist eurozentristisch und begrifflich unscharf. Sie stellt eher
ein Hilfsmittel der westlichen Sinologie dar, um verschiedene
Aspekte der langen Geschichte des Daoismus leichter beschreiben
zu können. Der Daoismus ist jedoch eine ebenso heterodoxe
Erscheinung wie andere Religionen auch. Im Laufe seiner über
zweitausendjährigen Geschichte haben sich die unterschiedlichsten
Lehren und Systeme herausgebildet. Die Trennung von religiösem
und philosophischem Daoismus ist daher eine sehr grobe Vereinfachung,
und es herrscht Uneinigkeit in der Forschung, ob diese Unterscheidung
weiterhin verwendet werden sollte, weil sie der Komplexität
des Gegenstands nicht gerecht wird.
Wir verwenden dieses Begriffspaar, weil es in einer Beschreibung
des Daoismus eine erste, hilfreiche Gliederung ermöglicht.
Der Sachverhalt ist aber sehr viel vielgestaltiger, als es diese
Vereinfachung nahelegt.
Das Wort "Daoismus" leitet sich ab von
"Dao" (Tao), einem Begriff der chinesischen Philosophie,
der bereits lange vor dem Daodejing verwendet wurde, aber erst
in diesem Text seine zentrale Stellung und besondere, universale
Bedeutung erhielt. "Dao" bedeutet ursprünglich
"Weg", im klassischen Chinesisch aber bereits "Methode",
"Prinzip", "der rechte Weg". Bei Laozi nimmt
dann der Begriff des Dao die Bedeutung eines der ganzen Welt zugrundeliegenden,
alldurchdringenden Prinzipes an. Es ist die höchste Wirklichkeit
und das höchste Mysterium, die uranfängliche Einheit,
das kosmische Gesetz und Absolute. Aus dem Dao entstehen die 'zehntausend
Dinge', also der Kosmos, und auch die Ordnung der Dinge entsteht
aus ihm, ähnlich einem Naturgesetz, doch ist das Dao selbst
kein omnipotentes Wesen, sondern die Vereinigung jeglicher Gegensätze
und somit undefinierbar. Philosophisch könnte man das Dao
als jenseits aller Begrifflichkeit fassen, weil es der Ursprung
des Seins, die transzendentale Ursache ist und somit alles, auch
den Gegensatz von Sein und Nichts, enthält. In diesem Sinne
kann nichts über das Dao ausgesagt werden, weil jede Definition
eine Begrenzung enthält. Das Dao ist aber sowohl unbegrenzte
Transzendenz als auch das dem Kosmos, dem All innewohnende immanente
Prinzip. Das Wirken des Dao bringt die Schöpfung hervor,
indem es die Zweiheit, das Yin und das Yang, Licht und Schatten,
hervorbringt, aus deren Wandlungen, Bewegungen und Wechselspielen
dann die Welt hervorgeht.
Die ethische Lehre des Daoismus besagt, die Menschen sollten
sich am Dao orientieren. Indem sie den Lauf der Welt beobachten,
in welchem sich das Dao äußert, können sie die
Gesetzmäßigkeiten und Erscheinungsformen dieses Weltprinzips
kennen lernen. Da das Dao sich im Ziran, dem von-selbst-so-Seienden,
der Natur, offenbart, steht es für Natürlichkeit, Spontanität
und Wandlungsfähigkeit, und der Weise erreicht die Harmonie
mit dem Dao weniger durch Verstand, Willenskraft und bewusstes
Handeln, sondern vielmehr auf mystisch-intuitive Weise, indem
er sich dem Lauf der Dinge anpasst. Denn es gibt im Kosmos nichts,
was fest ist: Alles ist dem Wandel unterworfen und der Weise verwirklicht
das Dao durch Anpassung an das Wandeln, Werden und Wachsen, welches
die phänomenale Welt ausmacht.
In den Wandlungen der Phänomene verwirklicht jedes Ding
und Wesen spontan seinen eigenen Weg, sein eigenes
Dao, und es wird als ethisch richtig erachtet, dieser Spontanität
ihren Lauf zu lassen und nicht einzugreifen, also Wu Wei, Nicht-Eingreifen
oder Nicht-Handeln zu praktizieren. Die Dinge und
ihr Verlauf werden als sich selbst ordnend und sich selbst in
ihrer Natur entfaltend und verwirklichend angesehen. Es erscheint
dem Weisen als sinnlos, seine Energie in einem stetigen Willensakt
der Handlung (des Eingreifens in das natürliche Wirken des
Dao) zu verschwenden, sondern das Tun sollte angemessen sein,
durch eine Verwirklichung reinen und nicht selbstbezogenen Geistes,
der geschehen lassen kann, ohne durch seine eigenen Wünsche
und Begierden verblendet zu sein.
Es wird also als klug angesehen, sich möglichst wenig in
das Wirken des Dao einzumischen oder sich ihm gar entgegenzustemmen.
Besser als durch große Kraftanstrengungen werden Ziele verwirklicht,
wenn dafür die natürlichen, von selbst ablaufenden Vorgänge
genutzt werden, die durch das Dao bestimmt sind. Dieses Prinzip
der Handlung ohne Kraftaufwand ist eben das Wu Wei. Indem der
Weise die natürlichen Wandlungsprozesse mitvollzieht, gelangt
er zu einer inneren Leere. Er verwirklicht die Annahme und Vereinigung
von Gegensätzen, denn das Dao, welches das Yin und Yang hervorbringt,
ist die Ursache und Vereinigung dieser beiden, so dass der Weise
im natürlichen Prozessieren den Dreh- und Angelpunkt der
Wandlungsphasen von Yin und Yang, die leere Mitte der Gegensätze,
verwirklicht.
Das Daodejing liefert die Weltanschauung, die das Ideal des daoistischen
Weisen blieb: Gleichmut, Rückzug von weltlichen Angelegenheiten
und Relativierung von Wertvorstellungen, sowie Natürlichkeit,
Spontanität und Nicht-Eingreifen. Nach daoistischer Auffassung
führt nur die Übereinstimmung mit dem Dao zu dauerhaftem
und wahrem Glück, während die Involviertheit in weltliche
Angelegenheiten zu einem Niedergang der wahren Tugend (De) führt.
Deshalb ist es ratsam, Gleichmütigkeit gegenüber Gütern
wie Reichtum und Komfort zu erlangen, und sich vor übermäßigen
Wünschen zu hüten.
Den Unterschied zwischen philosophischem und religiösem
Daoismus, den wir hier aus pragmatischen Gründen verwenden
(s.o.), könnte man derart fassen, dass der philosophische
Daoismus das Ideal des Weisen hat, der das Dao verwirklicht, indem
er eine bestimmte Geisteshaltung einnimmt, während der religiöse
Daoist danach strebt, Erleuchtung zu erlangen und das Dao zu verwirklichen,
indem er durch unterschiedliche Methoden wie Meditation (Qigong,
Taijiquan), Konzentration, Imagination, Ritual und Ritualmagie
aus Geist und Körper, dem Mikrokosmos, ein Abbild des Makrokosmos
erschafft und auf diese Weise eins wird mit dem Universum.
| 4.1 Verhältnis
zum Buddhismus |
|
Als der Buddhismus
im 2. Jahrhundert nach China kam, wird er erst als eine seltsam
verzerrte Variante des Daoismus wahrgenommen, weil die ersten
Übersetzer von buddhistischen Konzepten Begriffe aus der
daoistischen Lehre verwendeten. Außerdem besagte eine daoistische
Legende, dass die Gründerfigur Laozi nach Westen ausgewandert
war. In China erklärte man daher einfach, Laozi sei nach
Indien gekommen und hätte als Buddha
die "Barbaren" zum Daoismus bekehrt, diese hätten
die Lehre aber nicht vollkommen begriffen, und so sei der Buddhismus
entstanden.
Durch diese Auffassung herrschte anfangs eine gewisse Nähe
und ein reger Austausch von Ideen; der Daoismus übernahm
beispielsweise vom Buddhismus
die Höllenvorstellungen und die Organisation seines Mönchswesens.
Durch die gegenseitige Beeinflussung von Daoismus und Buddhismus
entstanden auch neue Schulen. Ein erfolgreiches Beispiel einer
solchen Verschmelzung ist der Zen-Buddhismus (chinesisch chan,
japanisch zen, ch'an ). Sein Einfluss war prägend für
die chinesische Tang- und Sung-Zeit und hält in Japan bis
heute an.
Im 2. Jahrhundert entstand die erste daoistische Organisation beziehungsweise
"Kirche", als Zhang Daoling (Chang Tao Ling) 142 n.Chr.
in Sichuan die Bewegung der Himmelsmeister (tianshi dao) gründete.
Zhang Daoling nahm dabei vermutlich Anleihen beim Buddhismus,
möglicherweise auch beim monotheistischen Mazdaismus. In der
Gruppe, die nach einer Abgabe, die ihre Anhänger zu leisten
hatten, auch "Fünf-Scheffel-Reis"-Bewegung (wudoumi
dao) genannt wird, herrschten messianische und revolutionäre
Gedanken vor: Die Han-Dynastie sollte gestürzt werden, damit
der Himmelsmeister Zhang Daoling regieren und die Endzeit beginnen
konnte.
Etwa 30 Jahre lang existierte sogar ein Himmelsmeister-Staat,
der durch einen großen Verwaltungsapparat charakterisiert
war. Die Bürokratie spiegelte die Vorstellung vom Himmel
wieder, der im Glauben der Himmelsmeister auch bürokratisch
gegliedert ist. Bitten und Gebete wurden in Formularen verfasst
und durch Verbrennung an die jeweils zuständigen Gottheiten
geschickt.
In der Himmelsmeister-Bewegung entstand eine ausgeprägte
Ethik und ein daoistischer Kultus und durch die Pflichtbeiträge
entwickelten sich die Gemeinden zu ökonomisch bedeutsamen
Organisationen. Unter der Wei-Dynastie (386-534) traten auch immer
mehr Mitglieder der Aristokratie der Himmelsmeister Bewegung bei
und auch viele Dichter und Künstler gehörten ihr an.
Ab dem 2. Jh. wurde auch Laozi nicht mehr nur als alter Weiser
gesehen, sondern als Gott verehrt. Ebenso wurde aus dem abstrakten
Begriff des Dao eine personale Gottheit. Jedoch stellen die Götter
des Daoismus eher eine Verkörperung von Funktionen als individuelle
Entitäten dar. Die Ritualgötter sind im allgemeinen
entweder abstrakte Instanzen oder Verkörperungen von Naturkräften,
zum Beispiel der Erde, der Flüsse, des Regens, der Berge.
Auch der vergöttlichte Laozi stellt eher eine Hypostase des
Dao und des daoistischen Heiligen dar, wie Zhuangzi ihn beschrieb,
weniger eine personale Gottheit, wie sie der westlichen Vorstellung
entspricht.
| 4.3 Entwicklung
zur Volksreligion |
|
Schon die daoistischen Philosophen verwendeten bildhafte Geschichten
und alte Volkssagen, um ihre Ideen zu erläutern. Während
der Han-Zeit verband sich der Daoismus mit älteren kosmologischen,
theologischen und anthropologischen Vorstellungen, deren Spuren
sich schon in der Shang-Zeit finden lassen. Diese älteren Vorstellungen
stammen wahrscheinlich aus Unsterblichkeitskulten und der schamanistischen
Tradition. Auch mehr und mehr volkstümliche Bräuche, Riten
und buddhistische Elemente hielten Einzug in die daoistischen Praktiken.
Die daoistische Religion wurde polytheistisch und definierte sich
durch eine gemeinsame liturgische Tradition. Es entstand ein reichhaltiger
Götterhimmel, dessen genaue Ausformung sich von Schule zu Schule
unterscheiden konnte, sich aber drei oberste Gottheiten, die Drei
Reinen, herauskristallisierten: Yuanshi tianzun, der Himmeslehrwürdige
des Uranfangs, Daojun oder Lingbao tianzun, der Herr des Dao bzw.
Himmelsehrwürdige des magischen Juwels und Daode tianzun oder
Taishang Laojun, der Himmelsehrwürdige des Dao und des De bzw.
der höchste Herr Lao, welcher der vergöttlichte Laozi
ist. Das liturgische System bildet den formalen Rahmen für
unterschiedliche lokale Kulte und das daoistische Pantheon wird
bevölkert von kosmischen Gottheiten, Naturgöttern, Dämonen,
Geistern, Unsterblichen (Xian) und Vollkommenen (Zhenren). Sitz
des Pantheons sind heilige Berge und Grotten, die ein mikrokosmisches
Abbild des Makrokosmos darstellen, sowie Tempel, Altar und Körper.
Durch die Himmelsmeister-Kirche Zhang Daolings vollzog sich eine
gewisse Vereinigung der verschiedenen daoistischen Gemeinschaften.
Diese starke und breitenwirksame Organisation wurde während
der Sui- und Tang-Dynastie zu einer echten Volksreligion und religiösen
Macht. Die Dynastie der Tang behauptete, von Laozi abzustammen
und machte seine Verehrung zu einem offiziellen Kult. Der daoistische
Kaiser Xuanzong gründete landesweit daoistische Tempel und
hatte eine große Vorliebe für daoistische Rituale.
Aus der Ming- und Tangdynastie gibt es auch die meisten daoistischen
Schriften. Es handelte sich um die Blütezeit des Daoismus.
Unter der Song-Dynastie (960-1279) wurde der Daoismus dann vollständig
in die Volkskultur integriert, u. a. dadurch, dass die lokalen
und regionalen Organisationen durch Kaiser Zhenzong zu einem Netzwerk
offiziell geförderter Tempel zusammengeschlossen wurden,
die auch säkulare Aufgaben wie die Organisation von Märkten
und das Eintreiben der Handelssteuer übernahmen.
Der volkstümliche religiöse Daoismus wurde nicht von
allen Daoisten anerkannt. Besonders Einsiedler und Angehörige
daoistischer Klöster pflegten weiterhin eine philosophische
Richtung der Lehre.
Als Chinas letzte Dynastie, die Qing im Jahre 1644 gegründet
wurde, wurde der Daoismus mit Restriktionen und Verboten belegt,
da die Qing den orthodoxen Konfuzianern nahestanden und die Mandschu
Angst vor chinesischem Nationalismus hatten und so lokale Organisationen
unterdrückten. Im Taiping-Aufstand 1849 wurden dann sämtliche
Tempel, sowohl buddhistische als auch daoistische zerstört
und im Verlauf des 20Jh. verstärkte sich die Tendenz immer
mehr, die ursprüngliche chinesische Religion zu zerstören.
| 4.4 Daoistische Praktiken |
|
Im Laufe der Jahrtausende entstanden in China eine Vielzahl daoistischer
Schulen mit unterschiedlichen Lehrinhalten und Praktiken. Viele
Praktiken haben ihre Vorläufer in den Praktiken der Fangshi
des Altertums. Der daoistische Kanon (Daozang) der in seiner letztgültigen
Fassung 1442 zusammengestellt wurde, gibt hiervon einen Eindruck.
Er enthält tausende von Werken, und die Texte handeln u.
a. von Philosophie, Liturgie, Ritualistik, Magie, Sexualpraktiken,
Medizin, Imagination und mythischen Welten, Hagiographien, dem
Yijing (I Ging), Alchemie, Moral, Meditationstechniken und Hymnen.
Die ersten Texte, die eine detaillierte Beschreibung der nach
innen gewendeten Meditation gaben, waren die der Shangqing-Schule,
bzw. das Shangqingjing (Buch der großen Reinheit), welche
ab dem 4. Jh. n. Chr. entstanden. Die Shangqing Meditationen enthalten
unterschiedliche Elemente: Der Adept verkehrt rituell und imaginativ
mit Göttern, rezitiert heilige Texte und visualisiert und
durchläuft komplex strukturierte Elemente und Prozesse der
Kosmologie, Mythologie und Symbolik des Daoismus. Die Visualisationen
dieser Schule stellen Reisen in geistige Welten dar, wie sie schon
von den Schamanen der Shang-Zeit ausgeführt wurden. Sie führen
in Reiche der irdischen Paradiese, der Götter, der stellaren
Welten, der Bewegungen von Yin und Yang und der verschiedenen
Formen von Qi (Energie). Das Ziel der komplexen Techniken ist
es, durch die Harmonisierung von Geist und Körper zur ursprünglichen
Einheit zurückzukehren.
Im Streben nach Unsterblichkeit entwickelten Daoisten einige
alchemistische Techniken. Einer der Vertreter dieser Richtung
war Ge Hong. Etwa seit dem 4. Jahrhundert n.Chr. wurde versucht,
Elixire oder Pillen herzustellen, die das Leben verlängern.
Dabei spielten Zinnober (Dan), Quecksilber (Gong) und Gold (Jin)
eine besondere Rolle. Durch die Eigenschaften, die sie in chemischen
Reaktionen zeigen, galten sie als Elemente, die die Unwandelbarkeit
in äußerlicher Veränderung (zentrales Merkmal
des Dao) verkörpern. Viele, die sich von den Pillen Langlebigkeit
versprachen, starben an Quecksilbervergiftung, was wohl einer
der Gründe dafür war, dass die Alchemie bis zum Ende
der Tang-Zeit immer unpopulärer wurden und verstärkt
eine Hinwendung zur inneren Alchemie stattfand. Durch die alchemistischen
Forschungen wurden jedoch auch andere Gebiete befruchtet, beispielsweise
entstanden dadurch das Schießpulver und halluzinogene Drogen,
ebenso wurde die Medizin beeinflusst.
Die Shangqing-Meditationen zeigen bereits eine Hinwendung von
der äußeren zur inneren Alchemie, die sich im 9. Jh.
dann vollends ausbildete. Anstatt Substanzen im Labor zu mischen,
wurden der eigene Körper und Geist als "inneres Labor"
verstanden. Es galt nun, durch meditative Techniken das uranfänglichen
Chaos zu strukturieren und durch Kultivierung von Vitalität
(Jing), Energie (Qi) und belebendem Geist (Shen) die Leere und
Einheit zu verwirklichen.
Voraussetzung für diese Praktiken ist die Vorstellung, dass
Analogien zwischen allen Ebenen bestehen, das heißt, dass
Kosmos, Erde und Mensch analog strukturiert sind und sich in allen
Details entsprechen.
Ein weiterer Abkömmling des Daoismus ist das Feng Shui,
welches ursprünglich Geomantie war, später sich aber
darauf bezog, die Umgebung des Menschen nach bestimmten Prinzipien
zu ordnen, um Glück, Erfolg und Harmonie zu erzeugen
| 5 Der Daoismus in der
Volksrepublik China |
|
Unter der sozialistischen Diktatur wurden die Religionen Chinas
unterdrückt und verfolgt, während der Kulturrevolution
wurden viele Klöster und Tempel zerstört, Schriften
vernichtet und die Mönche und Nonnen umerzogen. Mittlerweile
besinnt man sich auch in der Volksrepublik wieder auf das religiöse
Erbe und viele Klöster und Tempel wurden wieder aufgebaut,
Ausbildungsstellen für Möche und Nonnen geschaffen und
sogar einige universitäre Forschungsstellen für Daoismus
eingerichtet. Es gibt um die Jahrtausendwende in der VR China
ungefähr dreitausend daoistische Heiligtümer.
Der Staat hat in der Volksrepublik eine offizielle Version des
Daoismus durchgesetzt, die Wohlwollen, Patriotismus und den Dienst
an der Öffentlichkeit betont. Die Ausbildung eines Daoisten
in der Volksrepublik umfasst daoistische Doktrin, Rituale, Musik,
Kalligraphie, Philosophie, Kampfkunst und Englische Sprache. Viele
daoistische Priester sind jedoch nicht gemeldet und gehören
nicht den Regierungsorganisationen an, so dass die Statistiken
widersprüchlich sind. Die wieder aufgebauten Tempel sind
gut besucht, zu einigen Anlässen wie dem Laternenfest kommen
Tausende von Pilgern, woraus man schließen kann, dass der
Daoismus auch in der Volksrepublik noch eine Rolle spielt.
Viele Daoisten flohen nach Taiwan, wo der daoistische Kultus
nach wie vor blüht. Im heutigen China existieren noch zwei
Hauptlinien der religiösen daoistischen Tradition, der Quanzhen-Daoismus
(Schule der vollständigen Wahrheit), auch als neidan, innere
Alchemie, bezeichnet, und der Zhengyi-Daoismus (Schule der orthodoxen
Einheit), welcher direkt auf die Tradition der Himmelsmeister
zurückgeht.
Die Quanzhen-Daoisten leben monastisch und zolibatär und
legen die Hauptpraxis auf Meditation, während die Zhengyi-Daoisten
heiraten dürfen und auch in priesterlichen und magischen
Funktionen, beispielsweise als Ritualpriester bei Tempeln, Familien
und Einzelpersonen, d.h. auch bei Begräbnis- und Hochzeitsriten
oder Exorzismen und Heilungen arbeiten. Der Zhengyi-Daoismus besitzt
im Gegensatz zum Quanzhen, der stark buddhistisch beeinflußt
ist, eine ausgeprägte Ritualistik und magische Praktiken.
Die Tempel, in die die Zhengyi-Priester eingeladen werden, verehren
meistens Lokalgötter.
Es werden Rituale zu vielen Anlässen durchgeführt:
Dem Geburtstag des Lokalgottes, der Restauration eines Tempels
oder um eine neue Götterstatue einzuweihen. Ein Ritual kann
bis zu neun Tage dauern, und ist oft verbunden mit Theateraufführungen,
Prozessionen und Opfern. Viele Rituale sind ausgeprägt liturgisch.
Das Hauptritual ist eines der kosmischen Erneuerung und Rückverbindung.
Die monastische Quanzhen-Schule unterscheidet sich vom Zhengyi
durch das zurückgezogene Leben der Meditation und inneren
Alchemie, ohne der Allgemeinheit die Arbeit in einem Ritualservice
anzubieten und durchzuführen. Innere Alchemie strebt nicht
nach Herstellung eines Stoffes oder physischer Unsterblichkeit,
sondern stellt eine Erleuchtungstechnik dar, eine Methode der
Ordnung von Selbst und Welt. Sie ist eine operative Disziplin,
die durch einen schöpferischen Akt zur Geburt eines neuen
Menschen führen soll und die Erhöhung des Geistes über
die Welt ansterbt. Da die Quanzhen-Schule viele Elemente des Buddhismus
übernommen hat, besitzt sie einen stark spekulativen Charakter
und die Texte dieser Schule sind durch bestimmte Merkmale charakterisiert:
-
Geistige und physische Schulung
-
die Praxis unterschiedlicher Techniken wie Atemübungen,
Visualisationen und innerer Alchemie
-
die Übernahme bestimmter Spekulationen des Buddhismus,
z. B. über Wu (Leere) und You (Dasein) und die Methode
der Gong'ans (jap. Koan)
-
die Übernahme konfuzianischer Werte
- Eine systematische Verwendung des Yijing, sowie alchemistischer
Techniken in einer metaphorischen, geistigen Form.
Techniken der Shangqing-Schule werden nach wie vor von Zhengyi
und Quanzhen praktiziert.
Die Geschichte der Rezeption des Daoismus in der westlichen Welt
ist ungefähr 200 Jahre alt und vor allem das Daodejing beeiflusste
u. a. Kunst, Literatur, Psychologie und Philosophie.
Die erste Übersetzung des Daodejing ins Lateinische durch
einen Jesuiten stammt aus dem Jahr 1788. Von den 60er Jahren des
19 Jh. bis Anfang des 20 Jh. erschienen dann größere
Mengen an Laozi-Übersetzungen, die hauptsächlich von
Missionaren angefertigt wurden, so daß es nicht verwunderlich
ist, daß die meisten dieser Übersetzungen tendenziös
christlich sind. Auch die im deutschen Sprachraum bekannteste
Übersetzung von Richard Wilhelm kann ihren christlichen Hintergrund
nicht leugnen.
Im 19 Jh. wurde dann die Rezeption des Daoismus im Westen stark
durch die Theosophische Gesellschaft, die eine Mischung aus indischer
Mystik und westlichem Okkultismus propagierte, beeinflusst.
Nach dem Ende des ersten Weltkrieges verstärkte sich das
Interesse an östlicher Weisheit und insbesondere die Pazifisten
wendeten sich dem Wu wei, dem Nicht-Handeln zu. So rief beispielsweise
der deutsche Dichter Klabund im Jahr 1919 in seiner Schrift "Hör
es Deutschland" das Volk auf, nach dem heiligen Geist des
Dao zu leben und in Deutschland brach durch die Übersetzungen
des Zhuangzi und des Laozi durch Richard Wilhelm und durch Martin
Buber eine regelrechte Daoismus-Euphorie aus, die sich unter Literaten
und Künstlern verbreitete, so wurden insbesondere Hermann
Hesse, Alfred Döblin und Bertolt Brecht durch diese Übersetzungen
beeinflusst.
Döblins Roman "Die drei Sprünge des Wang-Lun"
zeigt zum Beispiel eine starke Annahme daoistischen Gedankengutes,
insbesondere des Wu wei und Hesses gesamtes Werk ist von östlicher
Philososphie durchdrungen, während Brecht im Daoismus eher
eine Überlebensstrategie für die Zeit des Nationalsozisalismus
sah.
Die Rezeption des Daoismus durch die Psychologie fällt auch
in die Zeit des zweiten Weltkrieges. Carl Gustav Jung fand in
Überstezungen der daoistischen Werke "Das Geheimnis
der goldenen Blüte" und des älteren "Yi Jing"
durch Richard Wilhelm starke Anregungen zur Entwicklung seiner
eigenen psychologischen Theorien und er schrieb zu beiden das
Vorwort.
In den 20er Jahren wurden dann die Ideen des Daoismus durch den
damals populären Philosophen Hermann Graf Keyserling aufgenommen
und verbreitet, der in den daoistischen Klassikern die tiefsten
Aussprüche zur Lebensweisheit fand.
Auch der Philosoph Martin Heidegger wurde durch Übersetzungen
daoistischer Texte durch Richard Wilhelm und Martin Buber inspiriert,
jedoch auch der Zen-Buddhismus beeinflusste sein Werk. Heideggers
nicht nihilistische Darstellung vom Nichts als "Fülle"
scheint direkt auf den Daoismus zurückzugehen.
Karl Jaspers, ein anderer Existenzphilosoph dieses Jahrhunderts
schrieb das Werk "Lao-tse/Nagarjuna-zwei asiatische Mystiker"
in dem er sich um das Verständnis des Daoismus bemühte
und auch Ernst Bloch setzte sich mit dem Daoismus auseinander.
In den 50er Jahren fand der Daoismus dann über den Umweg
des Zen-Buddhismus Eingang in die westliche Kultur. Die Poeten
und Künstler der beat generation fanden Gefallen an den Ideen
des Zen und popularisierten ihn. Breiten Raum fand dabei die Darstellung
des Daoismus als Ursprung des Zen wie z. B. in Alan Watts Werk
"The Way of Zen", der später zum Begründer
eines amerikanischen Daoismus wurde, durch das Buch "Tao:
The Watercourse Way", dessen Ideen sich besonders in der
Hippie-Bewegung ausbreiteten.
In den 70er und 80er Jahren wurde dann das Dao als Allheilmittel
für die erkrankte westliche Kultur in Europa gesehen. Der
Daoismus wurde trivialisiert und vornehmlich auf die ältere
Yin und Yang Lehre bezogen und breitete sich in dieser Form in
der New Age Bewegung aus.
Nach Fritjof Capras "Das Tao der Physik" von 1976 erschienen
dann größere Mengen an populärdaoistischen und
trivialisierten Werken wie "Das Tao Kochbuch" oder "Easy
Tao", wobei Capras Ansatz representativ ist für die
Verwurstung des Dao.
Peter Sloterdijk reagierte demgemäß in seinem Buch
"Eurotaoismus" spöttisch auf dieses östliche-Philosophie-fast
food.
Inzwischen ist der Daoismus durch die Esoterik-Welle zum integralen
Bestandteil der westlichen Kultur geworden und ein Viertel des
Esoterik-Buchhandels wird mit Werken zum Daoismus bestritten.
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