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Jesus ist die latinisierte Form des griechischen
Wortes und wird demgemäß lateinisch dekliniert (Genitiv
"Jesu"). Es übersetzt den männlichen hebräischen
Vornamen Jeschua, auch Jehoschua oder Josua. - Hebräisch
wurde in Palästina zur Zeit Jesu kaum noch gesprochen.
Griechische, nicht jedoch hebräische oder aramäische
Namen wurden damals in andere Sprachen übersetzt.
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Jehoschua verbindet Je (Vorsilbe von JHWH,
dem Gottesnamen der hebräischen Bibel)
mit Hoshea (Rettung, Heil, siehe Hosea). Jesus
bedeutet auf Hebräisch also Gott-Retter oder
Gott-rettet. Dieser Name war damals unter Juden
verbreitet. Als Judentum
und Christentum
sich getrennt hatten, wurden Juden nur noch selten so genannt.
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Jehoschua Ben Joseph hieß Jesus, falls man
ihn wie üblich bei seiner Beschneidung nach seinem Vater
nannte (Lk. 2, 21). Das NT belegt das nicht: Lk. 4, 22 nennt
Josefs Sohn ohne Vornamen und betont so den Kontrast
zur Jungfrauengeburt (Lk. 3, 23). Jh. 1, 45 betont mit Jesus,
Josefs Sohn aus Nazaret seine königliche Abstammung
von David. Frühere Versionen nennen ihn dagegen Sohn
der Maria (Mk. 6, 3/Mt. 13, 55).
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Christus ist die lateinische Form des griechischen
Wortes. Dieses übersetzt das hebräische Maschiach,
deutsch der Gesalbte. Das ist ein jüdischer
Ehrentitel für Könige und Hohepriester, später
für den erwarteten König der zukünftigen Heilszeit,
den Messias.
- Jesus Christus verbindet den jüdischen Vornamen
und griechischen Titel zu einem Nominalsatz, der das christliche
Glaubensbekenntnis in Kurzform ausdrückt: Dieser Jesus
ist der Messias.
| 1.2 Nazarener, Nazoräer
oder Nasiräer? |
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von Nazaret (Latein: Nazarenus) bezeichnet
im NT Jesu Herkunftsort in Galiläa (Mk. 1, 9). Doch dieser
Zusatz wird mit Nazoraios variiert: So nannten die Mandäer
die Lehrer ihrer Taufriten. Auch Jesus (Jh. 19, 19) und die Christen
(Apg. 24, 5) nannte man anfangs Nazoräer: eventuell weil er
und einige seiner Jünger früher zu Johannes dem Täufer
gehörten und auch tauften. Nach Mark Lidzbarski bezogen erst
die Evangelien-Autoren den Ausdruck irrtümlich oder bewusst
auf den Ort. So sagt Mt. 2, 23: (Josef) kam und wohnte in
der Stadt, die Nazaret heißt, damit erfüllt würde,
was die Propheten gesagt haben: Er soll Nazarener heißen.
Doch diese Verheißung kennt die Bibel
nicht.
Die Herleitung von Nasiraios ist dagegen unwahrscheinlich:
Ein Nasiräer war ein Asket, der - wie der Täufer - auf
strenge kultische Reinheit bedacht war. Er legte einen Eid ab, keinen
Alkohol zu trinken, sich die Haare nicht mehr zu scheren und sich
keiner Leiche und keinem Grab zu nähern (Num. 6, 1-4). Doch
Jesus tat all das im Verlauf seines Wirkens und lehnte jeden Eid
ab (Mt. 5, 33ff).
| 1.3 Geburt und Lebensdauer |
Historiker beurteilen die Geburtsgeschichten des NT (Mt. 1-2/Lk.
1-2) weitgehend als Legenden, die Jesus als Messias verkünden
wollen und dazu in den Rahmen biblischer Verheißungen stellen.
Der unbelegte Kindermord des Herodes (Mt. 2, 13) etwa erinnert an
den Kindermord des ägyptischen Pharao vor Israels Exodus (Ex.
1, 22): Damit wird Jesus wie Moses als Befreier des Gottesvolks
dargestellt. Auch der Stern, der orientalische Astrologen zu seinem
Geburtsort geführt haben soll (Mt. 2, 2), verkündet Jesus
als kosmischen Erlöser. Ob zum Zeitpunkt seiner Geburt ein
besonderes stellares Phänomen zu beobachten war, ist umstritten.
In Betlehem, einer Kleinstadt nahe Jerusalem, sollte nach biblischer
Weissagung der Messias geboren werden (Mi. 5, 1). Damit bezeugen
Mt. 2, 1.6 und Lk. 2, 4 Jesu Abstammung vom König David. Die
meisten Historiker nehmen dagegen an, dass er in Nazaret, der Heimatstadt
seiner Familie (Mk. 1, 9), oder in Kafarnaum, dem Ort seines ersten
und wiederholten Auftretens (Mk. 1, 21), geboren wurde.
Jesu Geburtsdatum war schon den Urchristen unbekannt. Damit wollte
die abendländische Zeitrechnung das Jahr Eins beginnen lassen;
doch sie beruht auf einem Rechenfehler. Historische Bezüge
im NT legen nahe, dass Jesus vor dem Tod Herodes des Großen
(Mt. 2, 1) und nach dem ersten römischen Reichscensus unter
dem Statthalter Syriens, Quirinius (Lk. 2, 1-2), geboren wurde:
somit zwischen 7 und 4 v. Chr..
Das NT berichtet, abgesehen von Geburts- und Jugendtexten, nur
von Jesu letzten drei bis vier Lebensjahren. Zu Beginn seines Auftretens
soll er etwa 30 Jahre alt gewesen sein (Lk. 3, 23). Sein Todesdatum
ist nicht überliefert. Da er aber nach allen Evangelien am
Vortag eines Schabbat an einem Passahfest gekreuzigt wurde, bleiben
nur 30 oder 33 n. Chr. als Todesjahr. Demnach wurde er 34 bis 40
Jahre alt.
Als galiläischer Jude sprach Jesus im Alltag Aramäisch,
die Reichssprache der Assyrer, die die Perser in Israel eingeführt
hatten. Das bestätigen einige aramäische Jesuszitate im
NT. Er sprach wohl auch das verwandte Hebräisch, in dem der
Tanach - Israels Heilige Schrift - abgefasst war. Fraglich ist,
ob er lesen und schreiben konnte und auch Griechisch beherrschte,
die damalige Verkehrssprache im Osten des römischen Reichs.
Die ins Griechische übersetzte Bibel,
die Septuaginta, lasen wohl nur hellenistisch gebildete Juden, nicht
arme Galiläer.
Ob man griechische Ausdrücke und Redewendungen ins Aramäische
zurück übersetzen kann, ist ein wichtiges Kriterium für
die Suche nach echten, anfangs mündlich tradierten
Jesusworten (Joachim Jeremias). So versucht man, seine eigene Verkündigung
von urchristlicher Deutung zu unterscheiden.
Jesus war nach Lk. 2, 4 ff. und Mt. 13, 55 der älteste Sohn
Josefs aus Nazaret und seiner Frau Maria. Seine Stammbäume
(Mt. 1/Lk. 3) betonen seine väterliche Abstammungslinie. Zugleich
verkünden Mt. 1, 18 und Lk. 1, 35 ihn als vom Heiligen Geist
gezeugt. Dies sahen Urchristen jüdischer Herkunft nicht unbedingt
als Gegensatz.
Nach Mt. 1, 19 glaubte Josef, Jesus sei unehelich gezeugt, bis
ein Engel ihm den wahren Sachverhalt erklärte (Mt. 1, 20).
Im jüdischen Talmud wird Jesus als uneheliches Kind eines römischen
Soldaten bezeichnet. Der Historiker Gerd Lüdemann greift diese
These heute wieder auf und erklärt daraus Jesu Außenseiterrolle
in seiner Heimatstadt.
Nach Mk. 6, 3 hatte Jesus vier Brüder - Jakobus, Joses (Josef?
Mt. 13, 55), Judas, Simon - und Schwestern, deren Namen nicht überliefert
sind. Brüder, seltener auch Schwestern
kann im biblischen Umfeld aber auch andere Verwandte einer Sippe
bezeichnen.
Laut Lk. 2, 43 ging Jesus schon als Junge zur Familie auf Distanz,
um im Tempel zu lehren. Nach seiner Taufe erwähnen die Evangelien
seinen Vater nicht mehr: dafür nun öfter Kafarnaum, wo
Jesus zuerst auftrat (Lk. 4, 16.23). Daher vermuten manche Forscher,
er sei dorthin umgezogen, nachdem sein Vater fort oder tot war.
Das 4. der 10 Gebote - Ehre Vater und Mutter (Ex. 20,
12) - verlangte damals die Fürsorge des ältesten Erben
für seine Sippe. Doch zu Jesu Nachfolge gehörte das Aufgeben
der familiären Bindungen. Nach der Gesellschaftsmoral seiner
Zeit verhielt er sich damit wie ein Mörder und Ehebrecher.
Sein Umherziehen, Predigen und Heilen stieß auf Unverständnis
und führte zu Konflikten mit seinen Verwandten. Sie lehnten
seine Gastfreundschaft für Arme und Kranke ab, erklärten
ihn für verrückt und versuchten, ihn zurück zu halten
(Mk. 3, 20 f./3, 31). In diesen Kontext gehören Aussagen wie
Mk. 3, 33-35:
Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Und er schaute
auf die, die rings um ihn saßen und sagte: Siehe, ihr seid
meine Mutter und meine Brüder! Wer Gottes Willen tut, der ist
mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Bei anderer Gelegenheit mahnte er (Mt. 10, 37): Wer Vater
oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner (Nachfolge) nicht
wert... oder noch schärfer (Lk. 14, 26): Wer zu
mir kommt und seine Eltern, Kinder, Geschwister und dazu sein eigenes
Leben nicht hasst, der kann nicht mein Jünger sein. Er
hob damit das 4. Gebot nicht auf (Mk. 7, 10 f.), legte es aber konträr
zur jüdischen Tradition aus: Achte nur die als deine Angehörigen,
die Gottes Willen tun. Darum wurde er in Nazaret abgelehnt und verließ
es daraufhin ganz (Mk. 6, 1-6):
Ist das nicht der Bauhandwerker, Marias Sohn ...? Und sie
waren verärgert über ihn. Jesus aber sagte zu ihnen: Ein
Prophet gilt nirgends weniger als in seiner Heimat, bei seiner Sippe
und in seinem Ort.
Aber Frauen aus Jesu näherer Umgebung sorgten für ihn
und die übrigen Männer auf ihrem Weg (Mk. 1, 31). Sie
blieben bis zum Ende bei ihm (Mk. 15, 41), so nach Jh. 19, 26f auch
seine Mutter. Er soll noch am Kreuz für ihre Altersversorgung
gesorgt haben, indem er sie einem anderen Jünger anvertraute.
- Verwandte Jesu gehörten nach Ostern zu den ersten Christen.
Sein ältester Bruder Jakobus wurde sogar ein Leiter der Urgemeinde
(Gal. 2, 9).
| 1.6 Jugend, Ausbildung,
Beruf |
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Jesus soll schon früh mit Pharisäern diskutiert und gute
Torakenntnis gehabt haben (Lk. 2, 46 f.). Der Argumentationsstil
seiner Predigten und Gleichnisse ist originär rabbinisch (Halacha
und Midraschim). Dazu wurde er wohl von Rabbinern seiner Heimat
ausgebildet. Sein Heilen am Sabbat (Mk. 2-3) und Betonen der Nächstenliebe
(Mk. 12, 28ff) ähnelt den Lehren des Rabbi Hillel, seine Armenfürsorge
und die Tateinheit von Beten und Almosengeben den späteren
Lehren von Chanina Ben Dosa, dem berühmtesten der galiläischen
Chassidim (von Chesed = Gnade, Barmherzigkeit Gottes).
So ordnet die Judaistik Jesu Tora-Auslegung heute ganz in das zeitgenössische
Judentum ein.
Seine ersten Jünger nannten ihn Rabbuni (aramäisch:
mein Meister, Lehrer). Ein Rabbi lebte von einem gewöhnlichen
Handwerk, nicht vom Lehren. Jesus lernte von seinem Vater das Bauhandwerk
(Mk. 6, 3). Ein Tekton (oft irreführend als Zimmermann
übersetzt) konnte generell mit Steinen, Stroh und Holz umgehen
und war meist im Hausbau tätig. Ob Jesus beim Broterwerb für
die Familie half, bevor er sie verließ, ist den Texten aber
nicht zu entnehmen. Manche Forscher nehmen dies an, da Josef allein
die Familie nicht hätte ernähren können
2.1 Johannes
und die Taufe im Jordan
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Nach allen Evangelien begann Jesus nach seiner Begegnung mit dem Täufer
Johannes öffentlich aufzutreten. Nach den Synoptikern (Mk, Mt,
Lk) ließ er sich von Johannes taufen. Sie verkünden dies
als das Ereignis, bei dem Gott ihn wie sein Volk Israel (Hos. 11,
1) als seinen Sohn bezeugte und seinen Geist auf ihn sandte (Mk. 1,
11): Du bist mein Sohn, der Geliebte, an dem ich Wohlgefallen
habe.
Johannes war einer der damaligen jüdischen Bußprediger.
Er kündete die bevorstehende radikale Wende der Endzeit an
und rief das ganze Volk Israel zur Umkehr: Damit griff er auf die
Zukunftserwartung (Eschatologie) der jüdischen Prophetie und
Apokalyptik zurück. Er berief Anhänger, lebte aber abseits
bewohnter Gegenden als Wüstenasket. Das Tauchbad im Jordan
war symbolische Vorwegnahme des Todes, sollte von sündigem
Lebenswandel reinigen, zur Umkehr befähigen und die Getauften
so aus dem drohenden Endgericht retten. Darauf geht die spätere
christliche Taufe zurück.
Ob Jesus sich ihm nach seiner Taufe anschloss, ist ungewiss. Nach
den älteren Evangelien hat er nicht, nach Jh. 3, 22ff aber
eine Weile parallel zu Johannes getauft. Eventuell lernte er die
Brüder Petrus und Andreas bei ihm kennen und warb sie ihm ab
(Jh. 1, 35-42). Er predigte das Reich Gottes dann auf andere, offenbar
attraktivere Art: als gnädige Zuwendung Gottes zu den Armen
und Sündern. Er übernahm den endgültigen Umkehrruf
von Johannes, lehnte aber das Fasten, die Askese für seine
Jünger ab (Mk. 2, 16-19), pflegte die Tischgemeinschaft mit
Unreinen und heilte gerade die, die Gottes Gericht verfallen
gewesen wären. Er wollte kein reines Restisrael,
sondern ganz Israel aus Gottes Endgericht retten.
Wohl deswegen sahen die Mandäer in Jesus später einen
Lügenpropheten. Die Evangelien dagegen sehen in Johannes den
letzten Propheten des Alten Bundes, den Vorläufer der Ankunft
des geistbegabten Messias (Mk. 1, 7f/8, 28f). Sie betonen den Zeugnischarakter
seiner Botschaft (Jh. 1, 7f) gegenüber dem ihm überlegenen
endgültigen Heilsbringer (Mt. 3, 11). Historiker nehmen daher
an, dass es Austausch und Konkurrenz, aber auch gegenseitige Achtung
zwischen Jesu und Johannes Anhängern gab (Jh. 4, 1).
2.2 Gebiet des
Auftretens
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Jesus war ein Wanderprediger unter vielen. Er sah sich nur zu den
verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt (Mt. 10,
5/15, 24) und hatte kein Interesse an Weltruhm. Sein Wirken blieb
anfangs auf das Ortsdreieck Kafarnaum - Bethsaida - Chorazim am Nordufer
des Sees Gennesaret (Genezareth) begrenzt, das höchstens 200
Quadratkilometer umfasste. Die Gegend war im römischen Reich
ganz unbedeutend. Römerstädte wie Sepphoris oder Tiberias
betrat Jesus laut NT nicht: wohl weil fromme Juden die Besatzer ablehnten.
Daher wundert es nicht, dass damalige römische Quellen ihn nicht
erwähnen.
Im Haus des Petrus in Kafarnaum richtete er ein Hauptquartier ein
(Mk. 1, 29/2, 1), in das er von seinen Missionswegen öfter
zurückkehrte. In jenem Fischerdorf von etwa 1000 Einwohnern
fanden Archäologen eine frühchristliche Pilgerstätte.
Dort können Reisende ihn gehört haben, die auf der Fernstraße
Via Maris nach Syrien oder Ägypten unterwegs waren. Er wirkte
auch am Westufer des Sees Gennesaret im heutigen Westjordanland
(Gerasa, Mk. 5, 1) sowie im heutigen Südlibanon (Tyros und
Sidon, Mk. 7, 24) und streifte eventuell auch durch Samaria (Jh.
4, 5 gegen Mt. 10, 5). Diese Provinz Palästinas gehörte
früher zum Nordreich Israel, das den Jerusalemer Tempelkult
im Südreich Juda ablehnte
2.3 Reich-Gottes-Verkündigung
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Jesus begann nach der Festnahme des Täufers durch Galiläas
Dörfer zu ziehen und verkündete wie dieser das unmittelbar
bevorstehende Reich Gottes (Mk. 1, 14ff). Damit folgte
auch er Israels Propheten. Aber anders als sie verkündete er,
Gottes Herrschaft sei punktuell schon angebrochen (Lk. 17, 21), nämlich
in seinem eigenen Handeln (Mt. 11, 4-5/Lk. 7, 22). Er bezog sich dabei
vor allem auf Heilsansagen der Exilspropheten Deuterojesaja (Jes.
40-55) und Tritojesaja (Jes. 56-66, ab etwa 530 v. Chr.). Er wollte
diese erfüllen und die Befreiung der Armen beginnen: Das sah
er als seine ihm von Gott aufgetragene Sendung an (Lk. 4, 1721/Lk.
6, 20).
Die große jüdische Bevölkerungsmehrheit war damals
bettelarm, täglich von Hunger, römischer Gewalt und sozialem
Absturz bedroht. Steuern für Rom und den Tempel, der Opferzwang,
Arbeitsmangel, Schuldversklavung und Epidemien lasteten auf dem
Volk (Gerd Theißen). Jesus versprach diesen Armen den Landbesitz
(Mt. 5, 5) und das Gnadenjahr der gerechten Bodenreform
(Lk. 4, 19f/3. Mose 25/5. Mose 15). Dem entsprach seine Forderung
an einen Großgrundbesitzer, all seinen Besitz den Armen zu
schenken und Jesus nachzufolgen: also ihm zu helfen, andere Reiche
auch vom Besitzverzicht für die Armen zu überzeugen (Mk.
10, 17-27). So erneuerte er die prophetische Zukunftserwartung einer
Revolution zu Gunsten der Besitz- und Rechtlosen. Damit stellte
er die römische und jüdische Oberschicht in Frage. Andererseits
lud er so auch Reiche in Gottes Reich ein und gab auch ihnen vorweg
Anteil daran (Lk. 19, 9f). Diese "sich realisierende Eschatologie"
(Werner Georg Kümmel) unterschied ihn von prophetischen, rabbinischen
oder zelotischen Traditionen seiner Umgebung.
Wie andere reformorientierte Pharisäer erfüllte Jesus das
Gebot der Nächstenliebe (Lev. 19, 17f) mit seinem Heilwirken
für Kranke und soziale Randgruppen. Aber anders als sie trieb
er auch Dämonen aus. Textmotive legen nahe, dass
es dabei um damals unheilbare Krankheiten wie Lepra, grauen Star,
Epilepsie und Schizophrenie ging. Solche Kranke galten nach damaliger
Tora-Auslegung als von unreinen Geistern besessen. Man
vermied Umgang und Berührung mit ihnen, verstieß sie aus
bewohnten Orten und verurteilte sie so meist zum Tod (Adolf Holl).
Wunder berichtete die antike Umwelt oft von Herrschern oder berühmten
Ärzten. Doch Jesu Heiltaten gelten dem NT nicht als isolierte
Mirakel, sondern als Angriff auf die Herrschaft des Bösen über
das Gottesvolk und zeichenhafter Beginn des Reiches Gottes (Mk.
3, 27). Die Exorzismen betonen das dramatische Kampfgeschehen mit
der Feindmacht, das den Sohn Gottes als Sieger erweist (Mk. 1, 25f).
Er heilt hier durch das Machtwort des Schöpfers (zum Beispiel
Mk. 5, 41: "Talita kumi!" - Mädchen, steh auf!).
Andere Texte betonen das Heilen durch Zuwendung (Mk. 1, 31), Berühren
(Mk. 1, 41), Handauflegen oder Speichel (Mk. 7, 32f), Sündenvergebung
(Mk. 2, 5). Hinzu kommen soziale Aspekte: Jesus führt den Kranken
aus dem Dorf und heilt ihn getrennt von seiner Umgebung (Mk. 8,
23). Manche sendet er verwandelt dorthin zurück (Mk. 5, 19),
andere nicht (Mk. 8, 26). Dem Bedürftigen wird das Heil ohne
Vorleistung geschenkt (Mk. 3, 3); Jünger wie Zuschauer aber
werden zum Glauben ermahnt (Mk. 9, 19.25). Demnach war Jesu Anliegen
ganzheitlich zu verstehen: Er heilte den Einzelnen, indem er ihn
Gottes bedingungslose Zuwendung spüren ließ, seine gesamte
Lebensorientierung radikal umwandelte, wo möglich, auch seine
krankmachende Umgebung veränderte und so den Geheilten neue
Lebenschancen eröffnete.
Er heilte auch Ausländer (Mk. 7, 24ff), darunter den Diener
eines römischen Offiziers (Mt. 8, 5-13/Lk. 7, 1-10). In Israel
galten besondere Kräfte jedoch schnell als Teufelei. Seine
Vollmacht brachte Jesus nicht nur Sympathie, sondern
auch Misstrauen, Neid, Abwehr ein (Mk. 3, 22). So weisen gerade
seine Heilerfolge schon auf seine Passion voraus (Mk. 3, 6).
Die Evangelien tradieren gemeinsame und verschiedene Heilwunder;
einige davon gehören zu den ältesten Stoffen der Logienquelle.
Doch was historisches Faktum, was theologische Deutung daran ist,
lässt sich kaum entscheiden. An Dämonen als
reale übernatürliche Wesen glauben auch heute noch besonders
evangelikale und charismatische Christen. Die psychosomatische Medizin
erkennt an, dass jede Krankheit auch seelisch-geistige Dimensionen
hat und Heilung immer den ganzen Menschen umfasst. Moderne Therapiemethoden
wie beispielsweise die Gestalttherapie finden in diesen Textmotiven
durchaus Verwandtes.
Jesu Sendung galt zuerst den Armen: Die Bergpredigt beginnt mit Heilszusagen
an das ganze Unrecht und Not leidende Volk (Mt. 5, 311). Sie
legen das 1. Gebot (Ex. 20, 2) prophetisch aus: Weil Gott der Sklaven-Befreier
ist, gehört sein Reich den Armen schon, und die Erde wird ihnen
gehören. Das enthielt einen indirekten Messiasanspruch, da der
Messias in Israels Prophetie Gottes Recht auf Erden durchsetzt.
Dann wird an Israels Auftrag erinnert, als Licht der Völker
die Tora vorbildlich zu befolgen (Mt. 5, 1416/ Jes. 42, 6).
Der Evangelist Matthäus betont demgemäß, dass Jesus
alle Gebote bis ins Kleinste erfüllen, nicht aufheben wollte
und Christen die Juden darin übertreffen sollen (Mt. 5, 1720).
Ob er selbst das so sah, ist umstritten. Er stellte viele Gebote
zum Teil radikal in Frage und soll zum Beispiel gesagt haben (Mk.
2, 27): Der Sabbat ist für den Menschen, nicht der Mensch
für den Sabbat da! So lehrte später auch der Talmud:
Lebensrettung verdrängt Toragebot.
Dem entsprachen Jesu Antithesen (Mt. 5, 21-48), die
heute nicht mehr als neue Ethik im Kontrast zum Judentum,
sondern innerjüdische Toradeutung aufgefasst werden. Sie beziehen
sich auf die Zehn Gebote (Ex. 20, 217) und das Vergeltungsrecht
(Ex. 21, 23f). Jesus radikalisierte sie über den Wortlaut hinaus:
Schon wer andere hasst, ist tendenziell ein Mörder und verdient
eigentlich den Tod (5. Gebot). Schon wer als verheirateter Mann
eine andere Frau begehrt, bricht die Ehe (6. Gebot). Jeder Eid missbraucht
den Gottesnamen (2. Gebot) und ist Lüge (8. Gebot). Gottes
Schöpfungstreue (Gen. 8, 22) entkräftet das Vergeltungsgebot.
Auch Israels Feinde sind als Nächste zu segnen. Das Anhäufen
von Besitz bricht das 1. Gebot (Mt. 6, 19f.24). Besitzaufgabe für
die Armen erfüllt den ganzen Dekalog (Mk. 10, 1727).
Dies spiegelt die damaligen Verhältnisse: Jüdische Männer
durften fremdgehen, erwarteten aber zugleich unberührte Ehefrauen.
Verstoßene Frauen waren recht- und schutzlos und oft zur Prostitution
gezwungen, die wiederum als todeswürdig galt. Jesus entzog
dieser patriarchalischen Doppelmoral die Rechtfertigung, indem er
die Ehescheidung verbot. Er rettete eine Hure vor der Steinigung,
indem er ihren Richtern ihre eigene Schuld bewusst machte (Jh. 8,
1-11). Das hob die Todesstrafe nicht direkt auf, entkräftete
sie aber.
Gerichte waren in römischer und sadduzäischer Hand, Rechtsbeistand
konnten Arme dort kaum erwarten. Die Besatzer benutzten Juden als
Lastesel und schlugen die, die sich weigerten. Verschuldung, Enteignung,
römische Gewalt bedrohten ihre Existenz. Jesus nannte diese
Unterdrückung seiner Mitjuden das Böse (Mt.
5, 39), rief aber dazu auf, auf Gegengewalt zu verzichten und Feinde
mit freiwilligem Entgegenkommen zu demütigen. Er erhöhte
keine Strafen, sondern deckte das gnadenlose Verurteilen anderer
auf, um es zu überwinden und Gottes Volk vor Krieg und Untergang
zu retten (Mt. 7, 16): Richtet nicht, damit ihr nicht
gerichtet werdet! Er lehrte, dass Israels Aufgabe sei, die
Völker zu segnen, nicht zu hassen. Seine Nachfolger sollten
übermächtiger Gewalt durch unerwarteten Gewaltverzicht
begegnen, Feinde mit Fürsorge überraschen (Mt. 5, 38-48)
und so entfeinden (Pinchas Lapide). Sein Ziel war demnach,
ganz Israel und die Völker von Gewaltherrschaft zu befreien.
Jesus lud darum gerade die in Gottes Reich ein, die die damals
gültige Tora-Auslegung davon ausschloss (Mk. 2, 17): Nicht
die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen,
die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Gemeint
waren beispielsweise jüdische Zöllner, die
für die Römer Steuern eintrieben, oft dabei ihre Landsleute
übervorteilten und daher gehasst und gemieden wurden. Jesu
Tischgemeinschaft gab ihnen Anteil am Heil, befreite sie vom Unrechttun
und veranlasste sie zur Rückgabe geraubten Gutes (Lk. 19, 110).
Gerade weil er das 1. Gebot über alles stellte, ordnete er
die Sozialtafel (6. - 10. Gebot) der Kulttafel
des Dekalogs (1.- 5. Gebot) über: Er hob die Reinheitsgesetze
auf (Mk. 7, 122) und relativierte die Kultgesetze (Mt. 5,
24). Die Versöhnung mit dem Bruder und das Segnen der Feinde
(Mt. 5, 23f.44) geht dem Opfern im Tempel voraus, weil Nächstenliebe
gleichrangig mit Gottesfurcht ist (Mk. 12, 2834): Dieses Doppelgebot
nahm eine zentrale Lehre des Talmud schon vorweg. Es erfüllte
für Jesus ebenso wie für die Pharisäer Israels ganze
Tora.
Von Beginn seines Auftretens an gewann Jesus Nachfolger (Mk. 1, 14ff).
Frühe Texte der Logienquelle zeigen: Der Ruf in die Nachfolge
war mit dem Verlassen von Beruf, Familie, Besitz unlösbar
verbunden (Mk. 10, 2831). Doch damit forderte er nur ihre Zugehörigkeit
zum einfachen Volk, das total verarmt und vom Hunger bedroht war.
Demgemäß zogen seine Anhänger mittel- und waffenlos
umher (Mt. 10, 515). Ihre Aufgabe war, wie er das Reich Gottes
zu verkünden, Kranke zu heilen, Dämonen auszutreiben, sogar
Tote zu erwecken und Gottes Segen weiterzugeben. Beim Betreten eines
Hauses grüßten sie mit dem Friedensgruß Shalom.
Damit segneten sie die ganze Sippe und stellten sie unter Gottes Schutz.
Waren sie nicht willkommen, dann verließen sie den Ort, reinigten
sich von dessen Staub und überließen ihn Gottes Gericht,
ohne zurück zu kehren.
Die Gefahr für diese Wanderbettler war nicht das Festhalten
von Besitz, sondern das Aufgeben ihrer Mission für ein gesichertes
Existenzminimum (Mt. 6, 2533). Mk. 2, 23ff zufolge lasen sie
am Sabbat Ähren von abgeernteten Feldern auf. Jesus heilte
bewusst auch am Sabbat und erlaubte den Bruch der Sabbatruhe bei
Lebensgefahr (Mk. 3, 4), da Gesetze für den Menschen gemacht
seien, nicht umgekehrt (Mk. 2, 27).
Das soll den Plan seiner Gegner, ihn zu töten, ausgelöst
haben (Mk. 3, 6). Aber gerade Pharisäer wie Hillel erlaubten
schon vorher Lebensrettung und Wohltätigkeit für die Armen
auch am Sabbat. Sie wollten die Tora im Alltag flexibler anwenden.
Dazu ergänzten sie die Bibel
durch die mündliche Auslegung verschiedener Pharisäerschulen,
die später in der Mischnah zusammengefasst wurde. Die Evangelien
stellten die Pharisäer überwiegend negativ und zum Teil
historisch falsch dar. Historiker erklären das aus ihrer Entstehungszeit:
Nach der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. gewannen die Pharisäer
die Führung des Judentums
und grenzten die Christen aus. Darauf grenzten diese sich ebenfalls
polemisch gegen sie ab, obwohl Jesus ihnen nahe stand.
Jesu Verhalten zu Frauen war im patriarchalischen Judentum damals
neu und ungewöhnlich (Hanna Wolff). Auch sie folgten ihm von
Beginn an nach (Mk. 1, 31). Seine Heilwunder galten oft gerade Huren,
Ausländerinnen, Witwen oder kranken Frauen, die gesellschaftlich
ausgegrenzt wurden. Viele, die er geheilt hatte, versorgten ihn und
die Männer (Lk. 8, 2-3). Maria Magdalena stand ihm nach dem Johannesevangelium
besonders nahe (Jh. 11-12, 20, 16).
Die biblische und rabbinische Tradition betont die Einehe als den
legitimen Ort für Sexualität, verbietet außerehelichen
Sex jedoch nicht. Jesus selbst lehnte die Ehescheidung ab (Mk. 10,
1-12), um besonders Frauen vor Ehrverlust zu schützen (Mt.
5, 27-32). Aber er gebot seinen Jüngern nicht die Eheschließung,
sondern ließ um des Himmelreichs willen Ehelosigkeit
zu (Mt. 19, 12). Ob er selbst eine Partnerin hatte, erwähnen
die Evangelien nicht. Falls er ein ausgebildeter Rabbi war, wäre
er laut Mischnah zur Ehe verpflichtet gewesen. Da er dem Verkünden
des Reiches Gottes Vorrang vor allen weltlichen Bindungen gab (Mt.
6, 33), kann er unverheiratet und sexuell enthaltsam umhergezogen
sein. Die Erinnerung an eine Freundin Jesu kann aber auch später
getilgt worden sein, da sie sich nicht mit dem Bild des männlichen
Gottessohns vertrug (Luise Schottroff).
Die Frau wird auch in der urchristlichen Verkündigung hochgeschätzt.
Jesu Stammbaum Mt. 1, 1-17 erinnert bewusst an weibliche Außenseiter
in Israels Erwählungslinie: die Hure Rahab, die Ausländerin
Ruth, die vergewaltigte Witwe des Uria. Eine Frau salbte Jesus vor
seinem Tod (Mk. 14, 3-9). Nachfolgerinnen waren nach allen Evangelien
die letzten Zeugen seines Todes und die ersten Zeugen seiner Auferweckung.
Zum damaligen Judentum
gehörten neben den schon erwähnten Mandäern, Essenern,
Pharisäern und Samaritanern weitere, oft verfeindete Gruppen:
Herodianer, Sadduzäer und Zeloten.
Herodes Antipas, ein von Rom eingesetzter König aus Idumäa
(Südjudäa), regierte damals Galiläa und Judäa.
Sein Vater, Herodes der Große, ließ Paläste bauen
und missbrauchte dazu Teile der Tempelsteuer. Er selbst heiratete
eine Nichte als Zweitfrau und ließ den Täufer Johannes
wegen dessen Kritik daran hinrichten (Mk. 6, 1729). Daher
waren die Herodianer den meisten Juden genauso verhasst wie die
Römer. Die Evangelien stellen sie wohl historisch zutreffend
auch als Gegner und Verfolger Jesu dar (Lk. 13, 31).
Seine Hauptgegner aber waren die hellenistisch geprägten,
vornehmen Sadduzäer. Als Erben der Leviten verwalteten sie
den Tempelkult in Jerusalem. Aus ihnen kam der Hohepriester, der
sein erbliches Amt auf Zadok, den Priesterkönig der Makkabäerzeit
zurückführte. Im Hinterland war ihr Einfluss zwar geringer;
doch wachten sie auch dort über die strenge Einhaltung der
biblischen Reinheits- und Opfergesetze. Da Jesus diese für
seine Jünger außer Kraft setzte (Mk. 7, 123), wurde
ein Konflikt mit ihnen unvermeidbar.
Die jüdische Oberschicht kooperierte eng mit den römischen
Besatzern. Diese ließen den Tempelkult zu, solange innerjüdische
Konflikte ihre Machtkontrolle nicht bedrohten Sie setzten Juden
als Steuereintreiber und örtliche Autoritäten ein, um
Judäa als Kornkammer für Rom auszubeuten.
- Da Jesus den Armen schon in Galiläa den Landbesitz zusagte
(Mt. 5, 5) und immer mehr Zulauf gewann (Mk. 10, 1.46), bahnte sich
auch mit den Römern ein Konflikt an. Nachdem er sich zum Passahfest
nach Jerusalem aufmachte, kam es dort zur direkten Konfrontation
mit den damaligen Autoritäten in Religion und Politik: dem
Hohenpriester Kaiphas und dem römischen Statthalter Pontius
Pilatus.
Seit Judas Makkabäus (ca. 170 v. Chr.) gab es in Israel offenen
Widerstand gegen Fremdmächte, die Israel ihre Religion aufzwangen.
Jüdische Befreiungskämpfer kamen oft aus dem früheren
bergigen Nordreich, wo die Exodustradition lebendig blieb. Auslöser
für gesamtjüdische Aufstände waren oft Königs-
oder Götterstatuen, die ein Fremdherrscher im Jerusalemer Tempel
aufstellen ließ. Das widersprach dem biblischen Bilderverbot
als Kehrseite des 1. Gebots (Ex. 20, 2ff).
Die Religionspolitik der Römer war anfangs toleranter als
die ihrer Vorgänger. Doch um 6 n. Chr. verordnete Augustus
allen Juden eine Volkszählung, um ihre Tributpflicht zu erzwingen
(nach Lk. 2, 1 der Kontext der Geburt Jesus). Judas Galiläus
organisierte einen Boykott dagegen. Nachdem er scheiterte, verübten
seine Anhänger vermehrt Anschläge gegen römische
Beamte und Soldaten. Die, die Meuchelmorde begingen, hießen
Sikarier (Dolchträger). Sie selber nannten sich
nach biblischem Vorbild "Zeloten" (Eiferer) und verweigerten
das Zahlen römischer Steuern. Diese galten vielen Juden als
Götzendienst, da der römische Kaiser auf den Münzen
abgebildet war und sich als Gott verehren ließ.
Nach Mk. 12, 1317 prüften Jesu Gegner sein Verhalten
zur Kaisersteuer, um ihn als Zeloten zu überführen und
an die Römer ausliefern zu können. Darauf soll er gesagt
haben: Gebt dem Kaiser, was ihm gehört, und Gott, was
Gott gehört! Das hieß offenbar: Der Kaiser ist
nicht Gott. Gebt ihm nicht, was Gott gehört: euch und euer
Volk. Jesus lehnte den Steuerboykott also nicht ab: Denn auch er
war ein Eiferer für Gottes Reich (Jh. 2, 17) aus
Galiläa.
Darum folgten ihm auch einige Zeloten nach: Dazu gehörte wohl
Judas Iskariot, der ihn später - aus Enttäuschung?
an Kaiphas verriet. Denn Jesus Anliegen war nicht, die Römer
mit Gewalt aus Israel zu vertreiben, sondern die Feindschaft zwischen
Juden und Heiden zu überwinden..
Wann und warum Jesus sich dem Zentrum des jüdischen Glaubens
zuwandte, ist ungewiss. Viele Historiker glauben, dass dieser Entschluss
ungeplant war und erst allmählich wuchs. Vielleicht pilgerte
er wie die meisten Juden vom Land nur einmal in seinem Leben in die
Tempelstadt: Dann wirkte er nur etwa ein Jahr öffentlich.
Er verließ Galiläa wohl, weil sich dort nach seiner
Predigt nichts entscheidend besserte. Das lassen seine Weherufe
über Galiläas Städte vermuten (Mt. 11, 20-24/Lk.
10, 13-16). Diese geprägten Klagen nehmen das Endgericht vorweg,
als sei es schon passiert: Das war in Israels Gerichtsprophetie
als letzter ultimativer Umkehrruf zu verstehen. Jesus vertraute
die besuchten Städte also Gottes Gericht an und zog weiter,
wie er es seinen Jüngern auch geboten hatte (Mt. 10, 14f).
Er zog nach der Enthauptung des Täufers nach Jerusalem (Mt.
14, 12): Sie kann ihn dazu veranlasst haben, sein Werk zuende zu
führen, ganz Israel zur Umkehr zu rufen und den jüdischen
Gottesdienst zu reformieren. Spätestens jetzt musste er mit
seinem gewaltsamen Tod rechnen (Mt. 14, 13). Er nahm diesen wohl
bewusst in Kauf (Mk. 8, 31 par.), um - wie der verheißene
leidende "Knecht Gottes" (Jes. 53) - ganz Israel von Not,
Krankheit, Unrecht und Sünde zu befreien (Mk. 10, 45). Unterwegs
folgten ihm einfache Juden, die ihn für den wiedergeborenen
Johannes, den Endzeitpropheten Elija oder sogar für den Maschiach
hielten (Mk. 8, 2730). Sie erwarteten offenbar eine Entscheidung
über die Rechtmäßigkeit seines Anspruchs.
Mit Jesu Einzug zum Passahfest beginnt für die Evangelien
seine Leidensgeschichte. Die Festpilger sollen ihn nach einer historischen
Passahliturgie als den erwarteten Davidssohn begrüßt
haben (Mk. 11, 9f): Gelobt sei das Reich unseres Vaters David!
Demnach sahen sie ihn als den ersehnten Retter und neuen König
Israels.
Daraufhin soll Jesus auf einem zuvor unberittenen Esel in die Stadt
geritten sein. Diese prophetische Zeichenhandlung erinnerte die
Menge an den Propheten Sacharja: Dieser hatte nach dem Tempelneubau
(um 530) einen gewaltlosen Messias der Armen angekündet, der
Gottes weltweites Abrüstungsgebot aufrichten und in Israel
zuerst durchsetzen würde (Sa. 9, 9-11).
Jesu Eselsritt bejahte diese Erwartung, grenzte sich aber gegen
das Bild eines machtvollen Herrschers und die Aufrichtung seines
Großreichs im Volk ab. Er wollte demnach kein kriegerischer
Anführer sein, sondern die biblische Prophetie des Völkerfriedens
durch Abrüstung (Jes. 2, 24/Mi. 4, 13) gewaltlos
anfangen zu erfüllen und so allen Völkern Gottes Reich
nahebringen.
Der Tempel spielt in den Evangelien eine wichtige Rolle. Jesu Verhalten
dazu ist nicht eindeutig. In Galiläa schickte er geheilte Patienten
zu den Priestern, damit diese ihre Gesundung amtlich feststellten
und sie wieder in die Gesellschaft aufnahmen (Mk. 1, 44). Seine Tora-Auslegung
lehnte die Opfer nicht direkt ab, ordnete sie aber der Nächstenliebe
unter (Mt. 5, 23f). Indem er im Tempel lehrte, erkannte er diesen
als Gotteshaus an. Auch die Tempelsteuer hat er anders als die Kaisersteuer
wohl gebilligt (Mk. 12, 41ff).
Doch in Jerusalem soll Jesus gegenüber seinen Jüngern
(Mk. 13, 2 par.) wie auch öffentlich (Mt. 23, 38 par.) die
Zerstörung der Tempelstadt angekündigt haben. Dabei berief
er sich auf Jeremia, der die Zerstörung des ersten Tempels
(586 v. Chr.) vorhergesagt hatte und dafür von den Priestern
fast getötet worden wäre (Jer. 26). Nach allen Evangelien
vertrieb Jesus kurz darauf die Händler und Geldwechsler aus
dem Tempelvorhof. Ohne sie konnten die religiösen Riten nicht
vollzogen werden, da nur sie die Opfer nur für jüdisches
Geld verkauften, die dann nur im Tempel dargebracht werden durften.
Ihre Vertreibung sollte den Tempel vom Opferkult reinigen
und die Tempelbesucher zu dessen Abschaffung anstiften. Diese prophetische
Zeichenhandlung sollte auch Nichtjuden Zugang zum Gotteshaus eröffnen
(Mk. 11, 17/Jes. 56, 7):
Steht nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Bethaus für
alle Völker heißen?
Jesu Tabubruch stellte den Tempelkult und die Führungsrolle
der Priester, also die gesamte bestehende Ordnung in Frage. Er forderte
die Elite des Judentums
zu einer eindeutigen Reaktion heraus.
3.3 Der
Passionsbericht der Urgemeinde
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Jesu Festnahme, der Prozess gegen ihn, sein Tod und seine Auferstehung
nehmen die zentrale Stellung in den Evangelien ein. Sie wurden als
Passions- und Ostergeschichten mit ausführlicher Einleitung
(Martin Kähler) erst daraufhin verfasst. Dabei folgen Matthäus
und Lukas jetzt dem Ereignisablauf ihrer Vorlage. Markus lag seinerseits
ein älterer Passionsbericht vor, den er in sein Evangelium
einbaute. Dieser Bericht begann wohl mit dem Verrat des Judas (Mk.
14, 10) und wurde allmählich nach vorn erweitert. Er führt
die von Paulus überlieferten ältesten Credoformeln erzählend
aus und geht daher wohl bis auf die Jerusalemer Urgemeinde zurück
(Ulrich Wilckens).
Markus hat diesen Passionsbericht mit deutlich antijüdischer
Tendenz überarbeitet, den römischen Statthalter entlastet
und den jüdischen Führern die Alleinschuld an Jesu Tod
gegeben. Darin spiegelt sich die bedrohte Lage der christlichen
Gemeinden im römischen Reich und die verschärfte Konkurrenz
mit jüdischen Synagogen nach dem verlorenen jüdischen
Befreiungskrieg (70 n. Chr.). Die endgültige Trennung vom Judentum
stand bevor oder war bereits vollzogen.
In Getsemani versteckten sich oft Zeloten. Römische Soldaten
bewachten diesen Stadtwald. Nur sie durften Schwerter und Lanzen
tragen. Judas Iskariot soll eine so bewaffnete Truppe zu Jesus Lager
geführt haben (Mk. 14, 43). Doch dass ein enttäuschter
Zelot die Römer geholt hätte, ist historisch unglaubhaft.
- Der Hohepriester könnte Jesu Festnahme veranlasst haben.
Er selbst war jedoch nur für kultische, nicht politische Kapitalvergehen,
seine Tempelwache nur für den Tempelbezirk zuständig.
Darum bestreiten vor allem jüdische Historiker wie Paul Winter,
dass es überhaupt einen religiösen Prozess gegen Jesus
gab.
Doch sein Auftreten im Tempel konnte einen Volksaufstand beim bevorstehenden
Passahfest auslösen. Das hätte unvermeidlich das Eingreifen
der Römer, blutigen Kampf und das Ende der religiösen
Autonomie Israels provoziert. So ist die Abwägung des Kaiphas
plausibel (Jh. 18, 14): Es ist besser, dass ein Mensch statt
des Volkes stirbt. Da Jesus dessen Sympathien besaß,
wurde er mit List (Mk. 14, 1), nämlich nachts (Mk.
14, 17. 49) festgenommen.
Ihm soll klar gewesen sein, was ihm bevorstand (Mk. 14, 48f): Ihr
seid vorgegangen wie gegen einen Mörder...dabei war ich jeden
Tag im Tempel, wo ihr mich festnehmen konntet. Aber so soll die
Schrift erfüllt werden! Man wollte ihn offenbar als Verbrecher
durch die Römer hinrichten lassen. Diese nannten Zeloten Mörder,
um deren Widerstand zu kriminalisieren und ihre Unterdrückung
zu legalisieren. Den Tempelhütern lag aber gerade wegen fehlender
eigener Strafjustiz an einem legalem Verfahren, das ihre Autorität
bewies (Apg. 7, 57).
Laut Evangelien leisteten Jesu Jünger Gegenwehr. Diese habe
er sofort gestoppt, da er seinen Tod als Gottes vorherbestimmten
Willen annahm (Mt. 26, 51f/ Lk. 22, 50f). Daraufhin seien seine
Anhänger geflohen (Mk. 14, 50). Auch ihnen drohte Festnahme
und Hinrichtung.
3.5
Verhör vor dem Hohen Rat
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Der Sanhedrin, das oberste Religionsgericht Israels mit Sitz in
Jerusalem, repräsentierte die Führungsgruppen des damaligen
Judentums:
Pharisäer, Schriftlehrer (Rabbiner) und Sadduzäer. Das
Markusevangelium zählt sie häufig auf und lässt so
seine Redaktion erkennen. Die Tempelpriester stellten nach jüdischem
Gesetz die Mehrheit und waren nicht abwählbar. Der Hohepriester
war Chefankläger und Richter zugleich. Durch römischen
Einfluss hatte Kaiphas dieses Amt damals inne.
Er vernahm zuerst Zeugen, die behaupteten, Jesus habe Unmögliches,
nämlich den Abriss und Neubau des Tempels innerhalb von 3 Tagen
geweissagt (Mk. 14, 58). Die Anklage gegen ihn lautete also auf
Falschprophetie, laut Dtn. 13, 2-6/18, 20 eins der schwersten religiösen
Kapitalvergehen.
Für Markus waren die Zeugen Lügner, die sich widersprachen
und so kein legales Todesurteil hergaben (Mk. 14, 56/Dtn. 19, 15ff).
Doch ihre Aussage traf im Kern zu: Denn Jesus hatte bei seiner Vertreibung
der Opferhändler den Abriss des alten Tempels gefordert und
seinen Neubau angekündigt (Jh. 2, 19). Eine solche Kultreform
aber stand nach jüdischer Tradition (2. Sam. 7, 13) nur dem
Nachkommen Davids, also dem Messias zu (Otto Betz). Das erklärt
die Frage des Kaiphas im Verhör Jesu (Mk. 14, 61):
Bist Du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?
Früher sahen NT-Forscher diese Frageform meist als christliche
Deutung an. Zwar vermieden hellenistisch gebildete Juden den Gottesnamen
(Rudolf Pesch), nannten den Messias aber sonst kaum exklusiv "Sohn
Gottes". Doch Schriften aus Qumran haben bestätigt, dass
dies zur Zeit Jesu möglich war.
3.6
Das Menschensohn-Bekenntnis
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Jesus antwortete laut Mk. 14, 62: Ich bin es... An
diesen Vers knüpften die Ich-bin-Reden bei Johannes
an, die der Evangelist großenteils selbst verfasste. Diese
folgen ihrerseits Gottes Selbstvorstellung in der Hebräischen
Bibel
(Ich bin der ich bin: Ex. 3, 14), besonders den Gottesreden
bei Deuterojesaja (z.B. Jes. 44, 24 - 45, 7).
Ob Jesus einen expliziten Messiasanspruch erhob, ist in der NT-Forschung
umstritten. Von allen Hoheitstiteln, die ihm im NT beigelegt werden,
taucht nur der "Menschensohn" in seinem Mund auf. "Sohn
Davids" - eine bei armen Juden verbreitete Umschreibung des
Messiastitels - wies er nicht zurück (Mk. 10, 47ff). Aber nur
dieses eine Mal bekennt er sich selbst als "Messias",
und dabei war keiner seiner Anhänger anwesend. Da die synoptischen
Evangelien sonst keine Belege dafür bieten, gilt der Vers meist
als nachösterlich.
Dennoch halten viele Historiker einen impliziten Messiasanspruch
des historischen Jesus für wahrscheinlich. Dafür sprechen
-
seine besondere, von der bisherigen Prophetie verschiedene
Verkündigung: Auf die Messiasfrage des Täufers (Mt.
11, 2-6/Lk, 7, 18-23) verwies Jesus auf sein Handeln, in dem
das verheißene Reich Gottes schon anbrach;
-
die ältesten Menschensohn-Worte, die schon in der frühen
Logienquelle nur in Jesu Selbstaussagen auftreten und seine
Vollmacht zum Dämonen austreiben, Heilen, Sündenvergeben
und Bruch des Sabbatgebots begründen (Mk. 2, 10.28);
-
die persönliche Gottesanrede Abba (Papa, lieber
Vater);
-
der endgültige Entscheidungscharakter seiner Gleichnisse,
Streitgespräche und Gebotsauslegungen;
-
die endzeitlichen Heilszusagen (Seligpreisungen)
der Bergpredigt;
-
Zeichenhandlungen wie der Eselsritt beim Einzug in Jerusalem
und die Tempelreinigung, die nur dem Messias zustanden (Sa.
9, 6/14, 21);
- und nicht zuletzt die Selbsthingabe seines Lebens, da Jesus
die drohende Konsequenz seines Handelns bewusst war (Mk. 10, 45):
nicht nur - wie andere Befreiungskämpfer oder Märtyrer
- für seine Jünger und sein Volk, sondern darüberhinaus
für alle Menschen (Mk. 14, 24).
Diese Handlungen zeigen jedoch auch deutliche Distanz zur tradierten
Messiaserwartung. Als Petrus erstmals bekannte: Du bist der
Christus!, folgt Jesu Hinweis auf sein bevorstehendes Leiden
und die notwendige Kreuzesnachfolge. Dabei verwendete er den Menschensohn-Titel
für sich (Mk. 8, 27-37). Auch hier im Verhör ergänzt
er sein Messiasbekenntnis:
...und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzend zur Rechten
der Kraft und mit den Himmelswolken kommen.
Das zitierte aus der dem Seher Daniel zugeschriebenen Vision vom
Endgericht Gottes: Siehe, es kam einer mit den Himmelswolken,
der sah aus wie eines Menschen Sohn... (Dan. 7, 13f). Diese
Verheißung folgt dort dem Ende, das Gott allen Gewaltimperien
setzt. Danach werde er all seine Macht dem "Menschenähnlichen"
übergeben, so dass ihm alle Menschen dienen würden.
Ein Messiasanspruch an sich war für die Sadduzäer noch
keine Todsünde: Da Israels Gott die Geschichte lenkt, wurde
sein Messias durch seinen historischen Erfolg ausgewiesen. Man konnte
ihn festsetzen und abwarten (5. Mose 18, 22). Andere jüdische
Messiasanwärter wie Simon Bar Kochba wurden im Judentum
trotz späterer Niederlagen hoch verehrt. Doch Jesus identifizierte
hier den Messias - sich - mit dem Menschensohn. Damit
bezog er dessen zukünftiges Handeln auf sein eigenes Vorhaben,
den Abriss und Neubau des Tempels. Er wollte den Opferkult abschaffen,
Ausländern Zugang zum Gott Israels gewähren und auch ihnen
so die Hoffnung auf ein Ende aller Gewaltherrschaft nahebringen.
Einen solchen Anspruch hat im Judentum
sonst niemand erhoben.
Kaiphas hörte aus Jesu Antwort eine Gotteslästerung
heraus (Mk. 14, 64). Ein direktes Verfluchen des Gottesnamens kann
nicht gemeint sein, weil gerade der historische Jesus das 1. Gebot
achtete und den Gottesnamen - ebenso wie sein Ankläger - auszusprechen
vermied (vgl. Mt. 5, 33ff).
Doch indem Jesus die Messiasfrage bejahte und mit der Menschensohn-Ankündigung
ergänzte, schien er sich mit einem göttlichen Wesen gleich
zu stellen. Das war für Juden die Ursünde: Ihr werdet
sein wie Gott... sprach die Schlange im Paradies (Gen. 3,
5). Die umständliche Satzkonstruktion verrät aber, dass
der Versteil sitzend zur Rechten der Kraft und... später
eingefügt wurde. Denn die Evangelien-Redaktion setzte Jesu
Auferstehung voraus und verkündete auch hier den schon inthronisierten
Christus (Apg. 2, 34). Jesus selbst sprach sonst immer vom kommenden
Menschensohn in der 3. Person. Damit erinnerte er Israels Führer
an Daniels Vision, um ihnen eine Zukunft jenseits des Tempelkults
zu geben, dessen Untergang er ja vorausgesagt hatte. Obwohl sie
drohend klingt ihr werdet sehen! , ist
seine Aussage eine Heilszusage.
Wegen seiner Kreuzigung glaubten die Urchristen, Jesus sei als
Gotteslästerer verurteilt worden. Denn diese Todesart galt
wie Aufhängen im jüdischen Gesetz als gerechte und notwendige
Strafe für einen Lästerer des Gottesnamens (Dtn. 21, 23).
So wurde vom Tod auf das Todesurteil gefolgert. Doch Jesu Messiasanspruch
war damals keine Gotteslästerung. Christen, die dies immer
noch behaupten, behindern damit den notwendigen Dialog mit Juden.
Hier hilft das genaue Hinhören auf den Text weiter.
Jesu indirekter Anspruch auf die Menschensohnwürde zwang Kaiphas,
ihn zu verurteilen. Denn er kündete Kaiphas mit Gottes Endgericht
seine Entmachtung an. Obwohl völlig machtlos, stellte er sich
damit über seinen Ankläger und Richter. Dies musste Israels
Führer provozieren, der sein Amt durch die gesamte biblische
Tradition legitimiert sah. Für die Sadduzäer war Daniels
Apokalyptik eine Irrlehre: Die Tora legte den Hohenpriester als
höchste irdische Rechtsinstanz fest (Dtn. 17, 8-13).
Kaiphas nahm das Todesurteil vorweg, indem er sein Gewand zerriss:
eine Trauergeste, wenn ein Jude Zeuge eines Kapitalvergehens wurde.
Die Ratsmehrheit folgte ihm: Jesu Selbstaussage hatte für sie
die Anklage auf Falschprophetie voll bestätigt. Basis des Urteils
waren die strengen Toragebote zur Tötung von Falschpropheten,
Volksverführern und Götzendienern (Dtn. 13, 6/18, 20),
so auch später bei der Hinrichtung des Stephanus (Apg. 7, 56f).
Der vornehme Pharisäer Joseph von Arimathia aber stimmte dem
Urteil sicher nicht zu. Denn er bat Pilatus später, den toten
Jesus ehrenhaft bestatten zu dürfen (Mk. 15, 43-46). Dabei
sollten rechtmäßig verurteilte Falschpropheten ohne Grab
verscharrt werden, damit nichts an sie erinnerte. Aber die Pharisäer
glaubten wie Jesus an das Reich Gottes: Man war also im Sanhedrin
uneinig, ob er als todeswürdig anzusehen sei oder nicht.
Die Evangelien folgen Markus und stellen das Vorgehen der Führer
Israels als böswillig geplanten und herbeigeführten Justizmord
dar (Mk. 14, 11/ 14, 55/ 15, 10f). Wäre das Todesurteil einstimmig
ergangen (Mk. 14, 64), dann wäre es nach dem Prozessrecht des
Talmud unrechtmäßig gewesen. So drückt Markus die
schuldhafte Mitverantwortung aller Führer Israels für
Jesu Tod aus. Doch wenn dieser sich im Verhör als Menschensohn
vorstellte, dann war das Todesurteil nach damaligem jüdischen
Recht juristisch zwangsläufig und gültig (August Strobel).
Da die Jünger alle geflohen waren - nur Petrus und einige
Frauen harrten im Innenhof des schwer bewachten Kaiphas-Hauses aus
(Mk. 14, 6672) -, erfuhren sie vom Prozessverlauf wohl durch
Joseph von Arimathia. Dessen Name war den Urchristen noch Jahrzehnte
später bekannt. Doch ihr Prozessbericht will kein historisches
Protokoll sein, sondern den erhöhten Christus verkündigen.
Markus bezeugt: Erst als es für ihn um Leben und Tod ging,
offenbarte der Menschensohn seine Identität. So gab Jesus sein
Leben für uns, als Petrus ihn unten im Hof verleugnete. Darin
zeigt sich: Das Bekenntnis zum "Sohn Gottes" war für
die Christen, an die sich dieses Evangelium wandte, schon zur Lebensgefahr
geworden.
Die Sadduzäer durften damals nicht hinrichten. Darum trafen
sie sich am folgenden Morgen erneut, um das Todesurteil in den Vorwurf
eines politischen Messiasanspruchs umzuformen. So konnte man Jesus
rechtmäßig und rechtzeitig zur Hinrichtung an Pilatus
übergeben.
Falschpropheten oder Gotteslästerer sollten nach jüdischem
Gesetz am Fest hingerichtet werden. Die nach dem Talmud
vorgeschriebene Ein-Tages-Frist zwischen Urteil und Vollstreckung
wurde in diesem Ausnahmefall missachtet. Bei einer akuten Gefahr
für Tempel und Stadt durfte eine Hinrichtung auch sofort geschehen.
Die Aufstandsgefahr beim Passahfest machte Jesus zu so einer Gefahr
(August Strobel).
Hinzu kam, dass der Falschprophet vor Beginn des Sabbats tot sein
musste, um Israel nicht zu verunreinigen. Darum nehmen vor allem
christliche Historiker an, dass Jesus am 14. Nisan (= 7. April)
des Jahres 30, dem Hauptfesttag des damaligen Passah, gekreuzigt
wurde.
Nach Markus, dem die übrigen Evangelien darin folgten, war
der römische Statthalter nicht von Jesu Schuld überzeugt
und bot dessen Anklägern seine Freilassung anstelle eines anderen,
bereits verurteilten Zeloten - Barabbas - an. Doch eine Volksmenge
habe ihn zur Hinrichtung Jesu gedrängt - Kreuzige ihn!
-, so dass er ihnen zuletzt nachgab (Mk. 15, 2-15).
Diese Darstellung halten Historiker heute für unglaubhaft.
Denn die Menge der Festpilger hatte Jesus nur Tage zuvor begeistert
als Messiasanwärter begrüßt (Mk. 11, 9). Die Sadduzäer
dagegen waren im Volk unbeliebt. Der Innenhof des Pilatuspalastes
bot auch nur wenigen Menschen Raum. Ferner war gerade Pilatus nach
zuverlässigen römischen Quellen ein skrupelloser Machtpolitiker,
der jüdische Tradition und innerjüdische Konflikte ignorierte.
Er ließ Juden häufig ohne Rechtsverfahren hinrichten,
bis man ihn deshalb absetzte. Daher ist unwahrscheinlich, dass er
Jesus gegen Kaiphas in Schutz nahm. So stellten es die Evangelisten
wohl dar, um die Christen gegenüber den römischen Machthabern
von den Juden zu unterscheiden, nachdem deren Aufstand im Jahr 70
gescheitert war. Sie zeigen eine deutliche Tendenz, die Römer
von der Schuld am Tod Jesu zu entlasten und dafür die Juden
zu belasten.
Der Passionsbericht lässt aber erkennen, dass es eine Absprache
zwischen Kaiphas und Pilatus gegeben haben muss. Sein Angebot, einen
Mörder (Zeloten) zum Tausch für Jesus freizulassen,
sollte das Volk beruhigen (Mk. 15, 615). Demnach war eine
Hinrichtung ohnehin geplant. Doch Jesus war offenbar für die
Sadduzäer gefährlicher als Barabbas. Auch Pilatus und
Herodes sollen darüber Freunde geworden sein, dass sie den
Todeskandidaten verhöhnten (Lk. 23, 11f). Beide konnten nichts
an Jesus finden und beseitigten ihn gerade deshalb. Der gewaltlose
Messias der Armen, der keine Macht besaß, war ihnen dennoch
im Weg. So wird das Zusammenspiel zwischen römischen Besatzern
und jüdischen Kollaborateuren sichtbar.
Pilatus senkte den Daumen und überließ Jesus seinen
Folterknechten (Mk. 15, 15-19). Römer, nicht aber Juden ließen
Verurteilte öffentlich geißeln und verhöhnen. Markus
übertrug diese Folterszene aus dem römischen in den jüdischen
Prozess Jesu (Mk. 14, 65). - Danach zwang man ihn, sein Kreuz zum
Richtplatz vor die Stadtmauer zu tragen. Als der Gepeinigte unterwegs
zusammenbrach, wurde ein jüdischer Landarbeiter genötigt,
ihm die Last abzunehmen. Diese brutale Willkür führte
allen Juden am Fest der Befreiung ihre Sklaverei vor Augen.
Dass der Passionsbericht den Kreuzträger Simon von Kyrene
aus der nordafrikanischen Exilsgemeinde Kyrenaika und seine Söhne
beim Namen nennt, ist aufschlussreich: Juden litten mit und für
Jesus und teilten sein Geschick, als seine Anhänger ihn schon
verraten, verleugnet und allein gelassen hatten. Es gab demnach
anfangs keine Feindschaft zwischen Christen und Juden, sondern ein
gemeinsames Leiden, Erinnern, Hoffen: auch und gerade im Diasporajudentum,
wo sich das Christentum
zuerst ausbreitete.
Jesu Hinrichtung durch Pilatus gilt als historisch gesichertes
Faktum, das auch außerbiblische Quellen wie die Tacitusnotiz
bestätigen. Den Grund dafür nennen diese allerdings nicht.
Nach allen Evangelien verurteilte Pilatus ihn als König
der Juden. Demnach hielt er ihn für einen Zelotenführer,
der nach römischem Recht wegen Hochverrats hinzurichten war.
Dies bestätigt die römische Tafel über dem Kreuz:
Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum (Jh. 19, 19). Die Evangelien
bestreiten aber, dass Jesus einen bewaffneten Aufstand plante (Lk.
22, 38) und deuten an, dass die Sadduzäer ihn als Aufrührer
denunzierten, um seine Hinrichtung zu erreichen. Für sie stellt
der Kreuzestitel kein angebliches Verbrechen fest, sondern bestätigte
Jesus Messiasanspruch.
Laut Jh. 19, 21 protestierten die Sadduzäer erfolglos gegen
die Inschrift, obwohl sie Jesus ja mit dem Vorwurf eines Messiasanspruchs
an Pilatus übergeben hatten. So bleibt fraglich, warum sie
ihn als Gefahr sahen, die gegen die Tradition (Dtn. 18, 22) ein
rasches Todesurteil und sofortige Auslieferung erzwang. Erst nachdem
Pilatus abgesetzt war, konnten sie kultische Vergehen wieder selbst
ahnden. Das jüdische Todesurteil für Gotteslästerung
oder Falschprophetie war die Steinigung. Sie wurde erstmals wieder
am tempelkritischen Urchristen Stefanus vollzogen (Apg. 7, 56).
Die Kreuzigung war die übliche Hinrichtungsmethode des römischen
Kaiserreichs für Aufständische, entlaufene Sklaven und
Ausländer. Diese grausame Strafe sollte alle Augenzeugen demütigen
und von der Teilnahme an Aufruhr abschrecken. Sie galt Juden als
Gottesfluch für Gotteslästerer (5. Mose 21, 23/ Gal. 3,
13), die so aus dem erwählten Volk ausgeschlossen wurden. Sie
konnte je nach Ausführung tagelang dauern, bis der Gehängte
verdurstete oder an seinem eigenen Körpergewicht erstickte.
Der Passionsbericht nennt aber keine Details des Vorgangs, sondern
stellt nur geradezu monoton den Ablauf dar: in der 3. ...
der 6. ... der 9. Stunde.... Das betont in der Sprache der
jüdischen Apokalyptik (Dan. 7, 12) Gottes vorherbestimmten
Plan. Die NT-Aussagen des Gekreuzigten variieren. Im ältesten
Evangelium rief er kurz vor seinem Tod auf Aramäisch "Mein
Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (Ps. 22, 2).
Das Psalmzitat stellt ihn in die Reihe der zu Unrecht verurteilten
Juden, die an Gottes Gerechtigkeit appellieren. In der späteren
Kirchentheologie spielen Jesu Aussagen während seines Martyriums
als die "Sieben Letzte Worte" eine wichtige Rolle.
Pilatus soll überrascht gewesen sein, dass Jesus relativ schnell,
vor Ablauf eines Tages, verstarb. Er ließ seinen Tod nochmals
amtlich feststellen, bevor er seinen Leichnam zur Bestattung freigab
(Mk. 15, 44f). Römische Freigabe und jüdische Grablegung
eines Gekreuzigten waren damals höchst unüblich. So betonen
alle Evangelien die Aussage des urchristlichen Credos: "gestorben
und begraben." Damit reagierten sie wohl schon auf eine gnostische
Legendenbildung, die Jesu Tod leugnete und damit sein österliches
Erscheinen erklärte.
Das urchristliche Bekenntnis lautet: Diesen Jesus hat Gott
auferweckt! (Apg. 2, 32). Dieses Ereignis nach Jesu Tod ist
der Kern und Ausgangspunkt der urchristlichen Verkündigung:
Damit betonten die ersten Zeugen, dass Gott dem angeblichen Gotteslästerer
gegen seine Richter, aber für sein Volk endgültig Recht
gegeben und die endzeitliche Wende vom ewigen Tod zum ewigen Leben
eingeläutet habe. Hier endet die historische Darstellung der
Person Jesu, und der Glaube an ihn beginnt.
Der Artikel Jesus Christus im Neuen Testament stellt Inhalte und
Entwicklung zentraler urchristlicher Glaubensaussagen dar. Er geht
von den Ostertexten aus und erfragt auch deren möglichen historischen
Hintergrund. Mit dem Abschluss der nachösterlichen Jesus-Erscheinungen
begann die Geschichte des Christentums
und der Kirche. Wie Jesus Christus dort gesehen wird, behandelt
der Artikel Christologie.
Die Evangelien, aus denen fast alles Wissen über Jesus stammt,
sind eine besondere antike Literaturform: Sie wurden von Christen
meist jüdischer Herkunft verfasst, die an Jesu Auferstehung
glaubten (Mk. 16, 6) und ihn als den Christus verkündeten,
indem sie sein Leben deutend nacherzählten. Gesicherte biografische
Daten waren ihnen dazu kaum wichtig und wurden, soweit bekannt,
ihren Missions- und Lehrabsichten eingeordnet. Während Skeptiker
das NT daher als voreingenommene Quelle beurteilen, halten heutige
Christen historische Angaben darin oft dennoch für glaubwürdig.
Seit der Neuzeit versucht die Leben-Jesu-Forschung intensiv, historische
von geglaubten Tatsachen im NT methodisch zuverlässig zu unterscheiden.
Seit 200 Jahren erwog sie jede denkbare Hypothese, bezweifelte sogar
Jesu Existenz oder ergänzte fantasievoll fehlendes Wissen.
Viele der so gemalten "Jesusbiografien" verfehlten die
Eigenintention der Texte und gelten seit Albert Schweitzer (1899)
weithin als überholt. Der gleichnamige Artikel beschreibt die
wichtigsten NT-Forscher, ihre Thesen und die Forschungsentwicklung,
um so das nötige Hintergrundwissen für den historischen
Jesus zu bieten. Hinzu kommen einige spekulative Theorien über
Jesus von Nazaret, die die seriöse NT-Forschung jedoch heute
weithin verwirft.
Zu ihrem Grundkonsens gehört, dass die Evangelien wahrscheinlich
erst ab der Tempelzerstörung im Jahr 70 (Markus) bis zum Ende
der Eigenstaatlichkeit Israels nach dem Bar-Kochba-Aufstand 133
n. Chr. (Johannes) schriftlich fixiert wurden. Nur wenige Historiker
vertreten ein früheres Entstehungsdatum einzelner Evangelien.
Demnach kannte wohl keiner ihrer Autoren Jesus persönlich.
Aber historisch-kritische Textanalysen haben ergeben, dass alle
Evangelien eigene mündliche Tradition von "Augenzeugen"
der ersten Christengeneration (Lk. 1, 2) verarbeiten, die zum Teil
schon in schriftlichen Quellen wie der vermuteten Logienquelle (Mt/Lk)
und einem frühen Passionsbericht aus Jerusalem (Mk) vorgegeben
war. Deren früheste Anteile stammen von Jüngern, die Jesus
zu Lebzeiten folgten. Diese waren zugleich alle Juden, die Israels
biblische Überlieferungen treu bewahrten. Daher gehen heute
auch nichtchristliche Historiker in der Regel davon aus, dass Jesus
gelebt hat und sich relativ sicher ermitteln lässt, was er
verkündete, wer er sein und was er tun wollte.
Dazu überprüfen sie NT-Aussagen auch anhand außerbiblischer
Kenntnisse. Dazu gehören neben den wenigen zeitgenössischen
Notizen zu Jesus heute verstärkt archäologische, sozialgeschichtliche
und orientalistische Forschungsergebnisse. Die Schriftfunde von
Qumran und die Judaistik erlauben ein differenziertes Bild des palästinischen
Judentums
zur jener Zeit. Dies hat manche von theologischen Vorurteilen bestimmte
Sichtweisen - etwa Jesu angebliche "Aufhebung" der Tora
und sein Gegenüber zum Pharisäismus - als unhaltbar erwiesen.
Auch seine apokalytischen und weisheitlichen Predigt-Motive werden
nicht mehr vom Judentum
abgerückt. Andererseits hält man auch sein messianisches
Selbstverständnis und seine bewusste Leidensannahme heute eher
für historische Eigenverkündigung als nur für nachösterliche
Deutung.
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