Jesus von Nazaret - Jesus Christus
Jesus von Nazaret (* vermutlich zwischen 7 und 4 v. Chr. in Nazaret
oder Kafarnaum; 30 oder 33 in Jerusalem) war ein jüdischer
Wanderprediger aus Galiläa, der um das Jahr 29 im Gebiet
des heutigen Israel und im Westjordanland öffentlich heilte
und lehrte, bis er als angeblicher Aufrührer gegen die römische
Besatzungsmacht gekreuzigt wurde.
Das Christentum
verehrt Jesus aufgrund der Auferstehungszeugnisse seiner ersten
Anhänger als Messias und universalen Erlöser. Es bekennt
dies mit der Namensgleichung Jesus Christus. Diese
theologische Deutung stellt der Artikel Jesus Christus im Neuen
Testament näher dar. Die kirchliche Lehre dazu heißt
Christologie. Seine Rolle in anderen Religionen, darunter Judentum
und Islam,
behandelt der Artikel Jesus in den Religionen.
Historische Informationen über Jesus enthält jedoch
fast nur das Neue Testament (NT) der Bibel,
insbesondere die vier Evangelien. Andere zeitgenössische
Quellen erwähnen diesen Wanderprediger aus einer abgelegenen
Provinz des Römischen Reiches kaum. Dieser Artikel stellt
nur Grundzüge seines Lebens dar, die die NT-Forschung heute
überwiegend für historisch wahrscheinlich hält.
Bibelstellen werden wie üblich abgekürzt, Thesen einzelner
Historiker sind in der angebenen Literatur nachlesbar.
-
Jesus ist die latinisierte Form des griechischen
Wortes und wird demgemäß lateinisch dekliniert
(Genitiv "Jesu"). Es übersetzt den männlichen
hebräischen Vornamen Jeschua, auch Jehoschua oder Josua.
- Hebräisch wurde in Palästina zur Zeit Jesu
kaum noch gesprochen. Griechische, nicht jedoch hebräische
oder aramäische Namen wurden damals in andere Sprachen
übersetzt.
-
Jehoschua verbindet Je (Vorsilbe von JHWH,
dem Gottesnamen der hebräischen Bibel)
mit Hoshea (Rettung, Heil, siehe Hosea). Jesus
bedeutet auf Hebräisch also Gott-Retter oder
Gott-rettet. Dieser Name war damals unter Juden
verbreitet. Als Judentum
und Christentum
sich getrennt hatten, wurden Juden nur noch selten so genannt.
-
Jehoschua Ben Joseph hieß Jesus, falls
man ihn wie üblich bei seiner Beschneidung nach seinem
Vater nannte (Lk. 2, 21). Das NT belegt das nicht: Lk. 4,
22 nennt Josefs Sohn ohne Vornamen und betont
so den Kontrast zur Jungfrauengeburt (Lk. 3, 23). Jh. 1, 45
betont mit Jesus, Josefs Sohn aus Nazaret seine
königliche Abstammung von David. Frühere Versionen
nennen ihn dagegen Sohn der Maria (Mk. 6, 3/Mt.
13, 55).
-
Christus ist die lateinische Form des griechischen
Wortes. Dieses übersetzt das hebräische Maschiach,
deutsch der Gesalbte. Das ist ein jüdischer
Ehrentitel für Könige und Hohepriester, später
für den erwarteten König der zukünftigen Heilszeit,
den Messias.
- Jesus Christus verbindet den jüdischen Vornamen
und griechischen Titel zu einem Nominalsatz, der das christliche
Glaubensbekenntnis in Kurzform ausdrückt: Dieser
Jesus ist der Messias.
| 1.2 Nazarener, Nazoräer oder Nasiräer? |
|
von Nazaret (Latein: Nazarenus) bezeichnet
im NT Jesu Herkunftsort in Galiläa (Mk. 1, 9). Doch dieser
Zusatz wird mit Nazoraios variiert: So nannten die
Mandäer die Lehrer ihrer Taufriten. Auch Jesus (Jh. 19, 19)
und die Christen (Apg. 24, 5) nannte man anfangs Nazoräer:
eventuell weil er und einige seiner Jünger früher zu
Johannes dem Täufer gehörten und auch tauften. Nach
Mark Lidzbarski bezogen erst die Evangelien-Autoren den Ausdruck
irrtümlich oder bewusst auf den Ort. So sagt Mt. 2, 23: (Josef)
kam und wohnte in der Stadt, die Nazaret heißt, damit erfüllt
würde, was die Propheten gesagt haben: Er soll Nazarener
heißen. Doch diese Verheißung kennt die Bibel
nicht.
Die Herleitung von Nasiraios ist dagegen unwahrscheinlich:
Ein Nasiräer war ein Asket, der - wie der Täufer - auf
strenge kultische Reinheit bedacht war. Er legte einen Eid ab,
keinen Alkohol zu trinken, sich die Haare nicht mehr zu scheren
und sich keiner Leiche und keinem Grab zu nähern (Num. 6,
1-4). Doch Jesus tat all das im Verlauf seines Wirkens und lehnte
jeden Eid ab (Mt. 5, 33ff).
| 1.3 Geburt und Lebensdauer |
Historiker beurteilen die Geburtsgeschichten des NT (Mt. 1-2/Lk.
1-2) weitgehend als Legenden, die Jesus als Messias verkünden
wollen und dazu in den Rahmen biblischer Verheißungen stellen.
Der unbelegte Kindermord des Herodes (Mt. 2, 13) etwa erinnert
an den Kindermord des ägyptischen Pharao vor Israels Exodus
(Ex. 1, 22): Damit wird Jesus wie Moses als Befreier des Gottesvolks
dargestellt. Auch der Stern, der orientalische Astrologen zu seinem
Geburtsort geführt haben soll (Mt. 2, 2), verkündet
Jesus als kosmischen Erlöser. Ob zum Zeitpunkt seiner Geburt
ein besonderes stellares Phänomen zu beobachten war, ist
umstritten.
In Betlehem, einer Kleinstadt nahe Jerusalem, sollte nach biblischer
Weissagung der Messias geboren werden (Mi. 5, 1). Damit bezeugen
Mt. 2, 1.6 und Lk. 2, 4 Jesu Abstammung vom König David.
Die meisten Historiker nehmen dagegen an, dass er in Nazaret,
der Heimatstadt seiner Familie (Mk. 1, 9), oder in Kafarnaum,
dem Ort seines ersten und wiederholten Auftretens (Mk. 1, 21),
geboren wurde.
Jesu Geburtsdatum war schon den Urchristen unbekannt. Damit wollte
die abendländische Zeitrechnung das Jahr Eins beginnen lassen;
doch sie beruht auf einem Rechenfehler. Historische Bezüge
im NT legen nahe, dass Jesus vor dem Tod Herodes des Großen
(Mt. 2, 1) und nach dem ersten römischen Reichscensus unter
dem Statthalter Syriens, Quirinius (Lk. 2, 1-2), geboren wurde:
somit zwischen 7 und 4 v. Chr..
Das NT berichtet, abgesehen von Geburts- und Jugendtexten, nur
von Jesu letzten drei bis vier Lebensjahren. Zu Beginn seines
Auftretens soll er etwa 30 Jahre alt gewesen sein (Lk. 3, 23).
Sein Todesdatum ist nicht überliefert. Da er aber nach allen
Evangelien am Vortag eines Schabbat an einem Passahfest gekreuzigt
wurde, bleiben nur 30 oder 33 n. Chr. als Todesjahr. Demnach wurde
er 34 bis 40 Jahre alt.
Als galiläischer Jude sprach Jesus im Alltag Aramäisch,
die Reichssprache der Assyrer, die die Perser in Israel eingeführt
hatten. Das bestätigen einige aramäische Jesuszitate
im NT. Er sprach wohl auch das verwandte Hebräisch, in dem
der Tanach - Israels Heilige Schrift - abgefasst war. Fraglich
ist, ob er lesen und schreiben konnte und auch Griechisch beherrschte,
die damalige Verkehrssprache im Osten des römischen Reichs.
Die ins Griechische übersetzte Bibel,
die Septuaginta, lasen wohl nur hellenistisch gebildete Juden,
nicht arme Galiläer.
Ob man griechische Ausdrücke und Redewendungen ins Aramäische
zurück übersetzen kann, ist ein wichtiges Kriterium
für die Suche nach echten, anfangs mündlich
tradierten Jesusworten (Joachim Jeremias). So versucht man, seine
eigene Verkündigung von urchristlicher Deutung zu unterscheiden.
Jesus war nach Lk. 2, 4 ff. und Mt. 13, 55 der älteste Sohn
Josefs aus Nazaret und seiner Frau Maria. Seine Stammbäume
(Mt. 1/Lk. 3) betonen seine väterliche Abstammungslinie.
Zugleich verkünden Mt. 1, 18 und Lk. 1, 35 ihn als vom Heiligen
Geist gezeugt. Dies sahen Urchristen jüdischer Herkunft nicht
unbedingt als Gegensatz.
Nach Mt. 1, 19 glaubte Josef, Jesus sei unehelich gezeugt, bis
ein Engel ihm den wahren Sachverhalt erklärte (Mt. 1, 20).
Im jüdischen Talmud wird Jesus als uneheliches Kind eines
römischen Soldaten bezeichnet. Der Historiker Gerd Lüdemann
greift diese These heute wieder auf und erklärt daraus Jesu
Außenseiterrolle in seiner Heimatstadt.
Nach Mk. 6, 3 hatte Jesus vier Brüder - Jakobus, Joses (Josef?
Mt. 13, 55), Judas, Simon - und Schwestern, deren Namen nicht
überliefert sind. Brüder, seltener auch
Schwestern kann im biblischen Umfeld aber auch andere
Verwandte einer Sippe bezeichnen.
Laut Lk. 2, 43 ging Jesus schon als Junge zur Familie auf Distanz,
um im Tempel zu lehren. Nach seiner Taufe erwähnen die Evangelien
seinen Vater nicht mehr: dafür nun öfter Kafarnaum,
wo Jesus zuerst auftrat (Lk. 4, 16.23). Daher vermuten manche
Forscher, er sei dorthin umgezogen, nachdem sein Vater fort oder
tot war.
Das 4. der 10 Gebote - Ehre Vater und Mutter (Ex.
20, 12) - verlangte damals die Fürsorge des ältesten
Erben für seine Sippe. Doch zu Jesu Nachfolge gehörte
das Aufgeben der familiären Bindungen. Nach der Gesellschaftsmoral
seiner Zeit verhielt er sich damit wie ein Mörder und Ehebrecher.
Sein Umherziehen, Predigen und Heilen stieß auf Unverständnis
und führte zu Konflikten mit seinen Verwandten. Sie lehnten
seine Gastfreundschaft für Arme und Kranke ab, erklärten
ihn für verrückt und versuchten, ihn zurück zu
halten (Mk. 3, 20 f./3, 31). In diesen Kontext gehören Aussagen
wie Mk. 3, 33-35:
Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Und er schaute
auf die, die rings um ihn saßen und sagte: Siehe, ihr seid
meine Mutter und meine Brüder! Wer Gottes Willen tut, der
ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Bei anderer Gelegenheit mahnte er (Mt. 10, 37): Wer Vater
oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner (Nachfolge) nicht
wert... oder noch schärfer (Lk. 14, 26): Wer
zu mir kommt und seine Eltern, Kinder, Geschwister und dazu sein
eigenes Leben nicht hasst, der kann nicht mein Jünger sein.
Er hob damit das 4. Gebot nicht auf (Mk. 7, 10 f.), legte es aber
konträr zur jüdischen Tradition aus: Achte nur die als
deine Angehörigen, die Gottes Willen tun. Darum wurde er
in Nazaret abgelehnt und verließ es daraufhin ganz (Mk.
6, 1-6):
Ist das nicht der Bauhandwerker, Marias Sohn ...? Und sie
waren verärgert über ihn. Jesus aber sagte zu ihnen:
Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seiner Heimat, bei seiner
Sippe und in seinem Ort.
Aber Frauen aus Jesu näherer Umgebung sorgten für ihn
und die übrigen Männer auf ihrem Weg (Mk. 1, 31). Sie
blieben bis zum Ende bei ihm (Mk. 15, 41), so nach Jh. 19, 26f
auch seine Mutter. Er soll noch am Kreuz für ihre Altersversorgung
gesorgt haben, indem er sie einem anderen Jünger anvertraute.
- Verwandte Jesu gehörten nach Ostern zu den ersten Christen.
Sein ältester Bruder Jakobus wurde sogar ein Leiter der Urgemeinde
(Gal. 2, 9).
| 1.6 Jugend,
Ausbildung, Beruf |
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Jesus soll schon früh mit Pharisäern diskutiert und
gute Torakenntnis gehabt haben (Lk. 2, 46 f.). Der Argumentationsstil
seiner Predigten und Gleichnisse ist originär rabbinisch
(Halacha und Midraschim). Dazu wurde er wohl von Rabbinern seiner
Heimat ausgebildet. Sein Heilen am Sabbat (Mk. 2-3) und Betonen
der Nächstenliebe (Mk. 12, 28ff) ähnelt den Lehren des
Rabbi Hillel, seine Armenfürsorge und die Tateinheit von
Beten und Almosengeben den späteren Lehren von Chanina Ben
Dosa, dem berühmtesten der galiläischen Chassidim (von
Chesed = Gnade, Barmherzigkeit Gottes). So ordnet
die Judaistik Jesu Tora-Auslegung heute ganz in das zeitgenössische
Judentum
ein.
Seine ersten Jünger nannten ihn Rabbuni (aramäisch:
mein Meister, Lehrer). Ein Rabbi lebte von einem gewöhnlichen
Handwerk, nicht vom Lehren. Jesus lernte von seinem Vater das
Bauhandwerk (Mk. 6, 3). Ein Tekton (oft irreführend
als Zimmermann übersetzt) konnte generell mit
Steinen, Stroh und Holz umgehen und war meist im Hausbau tätig.
Ob Jesus beim Broterwerb für die Familie half, bevor er sie
verließ, ist den Texten aber nicht zu entnehmen. Manche
Forscher nehmen dies an, da Josef allein die Familie nicht hätte
ernähren können
2.1 Johannes
und die Taufe im Jordan
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Nach allen Evangelien begann Jesus nach seiner Begegnung mit dem
Täufer Johannes öffentlich aufzutreten. Nach den Synoptikern
(Mk, Mt, Lk) ließ er sich von Johannes taufen. Sie verkünden
dies als das Ereignis, bei dem Gott ihn wie sein Volk Israel (Hos.
11, 1) als seinen Sohn bezeugte und seinen Geist auf ihn sandte
(Mk. 1, 11): Du bist mein Sohn, der Geliebte, an dem ich Wohlgefallen
habe.
Johannes war einer der damaligen jüdischen Bußprediger.
Er kündete die bevorstehende radikale Wende der Endzeit an
und rief das ganze Volk Israel zur Umkehr: Damit griff er auf
die Zukunftserwartung (Eschatologie) der jüdischen Prophetie
und Apokalyptik zurück. Er berief Anhänger, lebte aber
abseits bewohnter Gegenden als Wüstenasket. Das Tauchbad
im Jordan war symbolische Vorwegnahme des Todes, sollte von sündigem
Lebenswandel reinigen, zur Umkehr befähigen und die Getauften
so aus dem drohenden Endgericht retten. Darauf geht die spätere
christliche Taufe zurück.
Ob Jesus sich ihm nach seiner Taufe anschloss, ist ungewiss.
Nach den älteren Evangelien hat er nicht, nach Jh. 3, 22ff
aber eine Weile parallel zu Johannes getauft. Eventuell lernte
er die Brüder Petrus und Andreas bei ihm kennen und warb
sie ihm ab (Jh. 1, 35-42). Er predigte das Reich Gottes dann auf
andere, offenbar attraktivere Art: als gnädige Zuwendung
Gottes zu den Armen und Sündern. Er übernahm den endgültigen
Umkehrruf von Johannes, lehnte aber das Fasten, die Askese für
seine Jünger ab (Mk. 2, 16-19), pflegte die Tischgemeinschaft
mit Unreinen und heilte gerade die, die Gottes Gericht
verfallen gewesen wären. Er wollte kein reines
Restisrael, sondern ganz Israel aus Gottes Endgericht retten.
Wohl deswegen sahen die Mandäer in Jesus später einen
Lügenpropheten. Die Evangelien dagegen sehen in Johannes
den letzten Propheten des Alten Bundes, den Vorläufer der
Ankunft des geistbegabten Messias (Mk. 1, 7f/8, 28f). Sie betonen
den Zeugnischarakter seiner Botschaft (Jh. 1, 7f) gegenüber
dem ihm überlegenen endgültigen Heilsbringer (Mt. 3,
11). Historiker nehmen daher an, dass es Austausch und Konkurrenz,
aber auch gegenseitige Achtung zwischen Jesu und Johannes
Anhängern gab (Jh. 4, 1).
2.2 Gebiet
des Auftretens
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Jesus war ein Wanderprediger unter vielen. Er sah sich nur zu den
verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt (Mt. 10,
5/15, 24) und hatte kein Interesse an Weltruhm. Sein Wirken blieb
anfangs auf das Ortsdreieck Kafarnaum - Bethsaida - Chorazim am
Nordufer des Sees Gennesaret (Genezareth) begrenzt, das höchstens
200 Quadratkilometer umfasste. Die Gegend war im römischen
Reich ganz unbedeutend. Römerstädte wie Sepphoris oder
Tiberias betrat Jesus laut NT nicht: wohl weil fromme Juden die
Besatzer ablehnten. Daher wundert es nicht, dass damalige römische
Quellen ihn nicht erwähnen.
Im Haus des Petrus in Kafarnaum richtete er ein Hauptquartier
ein (Mk. 1, 29/2, 1), in das er von seinen Missionswegen öfter
zurückkehrte. In jenem Fischerdorf von etwa 1000 Einwohnern
fanden Archäologen eine frühchristliche Pilgerstätte.
Dort können Reisende ihn gehört haben, die auf der Fernstraße
Via Maris nach Syrien oder Ägypten unterwegs waren. Er wirkte
auch am Westufer des Sees Gennesaret im heutigen Westjordanland
(Gerasa, Mk. 5, 1) sowie im heutigen Südlibanon (Tyros und
Sidon, Mk. 7, 24) und streifte eventuell auch durch Samaria (Jh.
4, 5 gegen Mt. 10, 5). Diese Provinz Palästinas gehörte
früher zum Nordreich Israel, das den Jerusalemer Tempelkult
im Südreich Juda ablehnte
2.3 Reich-Gottes-Verkündigung
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Jesus begann nach der Festnahme des Täufers durch Galiläas
Dörfer zu ziehen und verkündete wie dieser das unmittelbar
bevorstehende Reich Gottes (Mk. 1, 14ff). Damit folgte
auch er Israels Propheten. Aber anders als sie verkündete er,
Gottes Herrschaft sei punktuell schon angebrochen (Lk. 17, 21),
nämlich in seinem eigenen Handeln (Mt. 11, 4-5/Lk. 7, 22).
Er bezog sich dabei vor allem auf Heilsansagen der Exilspropheten
Deuterojesaja (Jes. 40-55) und Tritojesaja (Jes. 56-66, ab etwa
530 v. Chr.). Er wollte diese erfüllen und die Befreiung der
Armen beginnen: Das sah er als seine ihm von Gott aufgetragene Sendung
an (Lk. 4, 1721/Lk. 6, 20).
Die große jüdische Bevölkerungsmehrheit war damals
bettelarm, täglich von Hunger, römischer Gewalt und
sozialem Absturz bedroht. Steuern für Rom und den Tempel,
der Opferzwang, Arbeitsmangel, Schuldversklavung und Epidemien
lasteten auf dem Volk (Gerd Theißen). Jesus versprach diesen
Armen den Landbesitz (Mt. 5, 5) und das Gnadenjahr
der gerechten Bodenreform (Lk. 4, 19f/3. Mose 25/5. Mose 15).
Dem entsprach seine Forderung an einen Großgrundbesitzer,
all seinen Besitz den Armen zu schenken und Jesus nachzufolgen:
also ihm zu helfen, andere Reiche auch vom Besitzverzicht für
die Armen zu überzeugen (Mk. 10, 17-27). So erneuerte er
die prophetische Zukunftserwartung einer Revolution zu Gunsten
der Besitz- und Rechtlosen. Damit stellte er die römische
und jüdische Oberschicht in Frage. Andererseits lud er so
auch Reiche in Gottes Reich ein und gab auch ihnen vorweg Anteil
daran (Lk. 19, 9f). Diese "sich realisierende Eschatologie"
(Werner Georg Kümmel) unterschied ihn von prophetischen,
rabbinischen oder zelotischen Traditionen seiner Umgebung.
Wie andere reformorientierte Pharisäer erfüllte Jesus
das Gebot der Nächstenliebe (Lev. 19, 17f) mit seinem Heilwirken
für Kranke und soziale Randgruppen. Aber anders als sie trieb
er auch Dämonen aus. Textmotive legen nahe, dass
es dabei um damals unheilbare Krankheiten wie Lepra, grauen Star,
Epilepsie und Schizophrenie ging. Solche Kranke galten nach damaliger
Tora-Auslegung als von unreinen Geistern besessen. Man
vermied Umgang und Berührung mit ihnen, verstieß sie
aus bewohnten Orten und verurteilte sie so meist zum Tod (Adolf
Holl).
Wunder berichtete die antike Umwelt oft von Herrschern oder berühmten
Ärzten. Doch Jesu Heiltaten gelten dem NT nicht als isolierte
Mirakel, sondern als Angriff auf die Herrschaft des Bösen
über das Gottesvolk und zeichenhafter Beginn des Reiches
Gottes (Mk. 3, 27). Die Exorzismen betonen das dramatische Kampfgeschehen
mit der Feindmacht, das den Sohn Gottes als Sieger erweist (Mk.
1, 25f). Er heilt hier durch das Machtwort des Schöpfers
(zum Beispiel Mk. 5, 41: "Talita kumi!" - Mädchen,
steh auf!).
Andere Texte betonen das Heilen durch Zuwendung (Mk. 1, 31),
Berühren (Mk. 1, 41), Handauflegen oder Speichel (Mk. 7,
32f), Sündenvergebung (Mk. 2, 5). Hinzu kommen soziale Aspekte:
Jesus führt den Kranken aus dem Dorf und heilt ihn getrennt
von seiner Umgebung (Mk. 8, 23). Manche sendet er verwandelt dorthin
zurück (Mk. 5, 19), andere nicht (Mk. 8, 26). Dem Bedürftigen
wird das Heil ohne Vorleistung geschenkt (Mk. 3, 3); Jünger
wie Zuschauer aber werden zum Glauben ermahnt (Mk. 9, 19.25).
Demnach war Jesu Anliegen ganzheitlich zu verstehen: Er heilte
den Einzelnen, indem er ihn Gottes bedingungslose Zuwendung spüren
ließ, seine gesamte Lebensorientierung radikal umwandelte,
wo möglich, auch seine krankmachende Umgebung veränderte
und so den Geheilten neue Lebenschancen eröffnete.
Er heilte auch Ausländer (Mk. 7, 24ff), darunter den Diener
eines römischen Offiziers (Mt. 8, 5-13/Lk. 7, 1-10). In Israel
galten besondere Kräfte jedoch schnell als Teufelei. Seine
Vollmacht brachte Jesus nicht nur Sympathie, sondern
auch Misstrauen, Neid, Abwehr ein (Mk. 3, 22). So weisen gerade
seine Heilerfolge schon auf seine Passion voraus (Mk. 3, 6).
Die Evangelien tradieren gemeinsame und verschiedene Heilwunder;
einige davon gehören zu den ältesten Stoffen der Logienquelle.
Doch was historisches Faktum, was theologische Deutung daran ist,
lässt sich kaum entscheiden. An Dämonen
als reale übernatürliche Wesen glauben auch heute noch
besonders evangelikale und charismatische Christen. Die psychosomatische
Medizin erkennt an, dass jede Krankheit auch seelisch-geistige
Dimensionen hat und Heilung immer den ganzen Menschen umfasst.
Moderne Therapiemethoden wie beispielsweise die Gestalttherapie
finden in diesen Textmotiven durchaus Verwandtes.
Jesu Sendung galt zuerst den Armen: Die Bergpredigt beginnt mit
Heilszusagen an das ganze Unrecht und Not leidende Volk (Mt. 5,
311). Sie legen das 1. Gebot (Ex. 20, 2) prophetisch aus:
Weil Gott der Sklaven-Befreier ist, gehört sein Reich den Armen
schon, und die Erde wird ihnen gehören. Das enthielt einen
indirekten Messiasanspruch, da der Messias in Israels Prophetie
Gottes Recht auf Erden durchsetzt.
Dann wird an Israels Auftrag erinnert, als Licht der Völker
die Tora vorbildlich zu befolgen (Mt. 5, 1416/ Jes. 42,
6). Der Evangelist Matthäus betont demgemäß, dass
Jesus alle Gebote bis ins Kleinste erfüllen, nicht aufheben
wollte und Christen die Juden darin übertreffen sollen (Mt.
5, 1720). Ob er selbst das so sah, ist umstritten. Er stellte
viele Gebote zum Teil radikal in Frage und soll zum Beispiel gesagt
haben (Mk. 2, 27): Der Sabbat ist für den Menschen,
nicht der Mensch für den Sabbat da! So lehrte später
auch der Talmud: Lebensrettung verdrängt Toragebot.
Dem entsprachen Jesu Antithesen (Mt. 5, 21-48), die
heute nicht mehr als neue Ethik im Kontrast zum Judentum,
sondern innerjüdische Toradeutung aufgefasst werden. Sie
beziehen sich auf die Zehn Gebote (Ex. 20, 217) und das
Vergeltungsrecht (Ex. 21, 23f). Jesus radikalisierte sie über
den Wortlaut hinaus: Schon wer andere hasst, ist tendenziell ein
Mörder und verdient eigentlich den Tod (5. Gebot). Schon
wer als verheirateter Mann eine andere Frau begehrt, bricht die
Ehe (6. Gebot). Jeder Eid missbraucht den Gottesnamen (2. Gebot)
und ist Lüge (8. Gebot). Gottes Schöpfungstreue (Gen.
8, 22) entkräftet das Vergeltungsgebot. Auch Israels Feinde
sind als Nächste zu segnen. Das Anhäufen von Besitz
bricht das 1. Gebot (Mt. 6, 19f.24). Besitzaufgabe für die
Armen erfüllt den ganzen Dekalog (Mk. 10, 1727).
Dies spiegelt die damaligen Verhältnisse: Jüdische
Männer durften fremdgehen, erwarteten aber zugleich unberührte
Ehefrauen. Verstoßene Frauen waren recht- und schutzlos
und oft zur Prostitution gezwungen, die wiederum als todeswürdig
galt. Jesus entzog dieser patriarchalischen Doppelmoral die Rechtfertigung,
indem er die Ehescheidung verbot. Er rettete eine Hure vor der
Steinigung, indem er ihren Richtern ihre eigene Schuld bewusst
machte (Jh. 8, 1-11). Das hob die Todesstrafe nicht direkt auf,
entkräftete sie aber.
Gerichte waren in römischer und sadduzäischer Hand,
Rechtsbeistand konnten Arme dort kaum erwarten. Die Besatzer benutzten
Juden als Lastesel und schlugen die, die sich weigerten. Verschuldung,
Enteignung, römische Gewalt bedrohten ihre Existenz. Jesus
nannte diese Unterdrückung seiner Mitjuden das Böse
(Mt. 5, 39), rief aber dazu auf, auf Gegengewalt zu verzichten
und Feinde mit freiwilligem Entgegenkommen zu demütigen.
Er erhöhte keine Strafen, sondern deckte das gnadenlose Verurteilen
anderer auf, um es zu überwinden und Gottes Volk vor Krieg
und Untergang zu retten (Mt. 7, 16): Richtet nicht,
damit ihr nicht gerichtet werdet! Er lehrte, dass Israels
Aufgabe sei, die Völker zu segnen, nicht zu hassen. Seine
Nachfolger sollten übermächtiger Gewalt durch unerwarteten
Gewaltverzicht begegnen, Feinde mit Fürsorge überraschen
(Mt. 5, 38-48) und so entfeinden (Pinchas Lapide).
Sein Ziel war demnach, ganz Israel und die Völker von Gewaltherrschaft
zu befreien.
Jesus lud darum gerade die in Gottes Reich ein, die die damals
gültige Tora-Auslegung davon ausschloss (Mk. 2, 17): Nicht
die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin
gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.
Gemeint waren beispielsweise jüdische Zöllner,
die für die Römer Steuern eintrieben, oft dabei ihre
Landsleute übervorteilten und daher gehasst und gemieden
wurden. Jesu Tischgemeinschaft gab ihnen Anteil am Heil, befreite
sie vom Unrechttun und veranlasste sie zur Rückgabe geraubten
Gutes (Lk. 19, 110).
Gerade weil er das 1. Gebot über alles stellte, ordnete
er die Sozialtafel (6. - 10. Gebot) der Kulttafel
des Dekalogs (1.- 5. Gebot) über: Er hob die Reinheitsgesetze
auf (Mk. 7, 122) und relativierte die Kultgesetze (Mt. 5,
24). Die Versöhnung mit dem Bruder und das Segnen der Feinde
(Mt. 5, 23f.44) geht dem Opfern im Tempel voraus, weil Nächstenliebe
gleichrangig mit Gottesfurcht ist (Mk. 12, 2834): Dieses
Doppelgebot nahm eine zentrale Lehre des Talmud schon vorweg.
Es erfüllte für Jesus ebenso wie für die Pharisäer
Israels ganze Tora.
Von Beginn seines Auftretens an gewann Jesus Nachfolger (Mk. 1,
14ff). Frühe Texte der Logienquelle zeigen: Der Ruf in die
Nachfolge war mit dem Verlassen von Beruf, Familie,
Besitz unlösbar verbunden (Mk. 10, 2831). Doch damit
forderte er nur ihre Zugehörigkeit zum einfachen Volk, das
total verarmt und vom Hunger bedroht war. Demgemäß zogen
seine Anhänger mittel- und waffenlos umher (Mt. 10, 515).
Ihre Aufgabe war, wie er das Reich Gottes zu verkünden, Kranke
zu heilen, Dämonen auszutreiben, sogar Tote zu erwecken und
Gottes Segen weiterzugeben. Beim Betreten eines Hauses grüßten
sie mit dem Friedensgruß Shalom. Damit segneten
sie die ganze Sippe und stellten sie unter Gottes Schutz. Waren
sie nicht willkommen, dann verließen sie den Ort, reinigten
sich von dessen Staub und überließen ihn Gottes Gericht,
ohne zurück zu kehren.
Die Gefahr für diese Wanderbettler war nicht das Festhalten
von Besitz, sondern das Aufgeben ihrer Mission für ein gesichertes
Existenzminimum (Mt. 6, 2533). Mk. 2, 23ff zufolge lasen
sie am Sabbat Ähren von abgeernteten Feldern auf. Jesus heilte
bewusst auch am Sabbat und erlaubte den Bruch der Sabbatruhe bei
Lebensgefahr (Mk. 3, 4), da Gesetze für den Menschen gemacht
seien, nicht umgekehrt (Mk. 2, 27).
Das soll den Plan seiner Gegner, ihn zu töten, ausgelöst
haben (Mk. 3, 6). Aber gerade Pharisäer wie Hillel erlaubten
schon vorher Lebensrettung und Wohltätigkeit für die
Armen auch am Sabbat. Sie wollten die Tora im Alltag flexibler
anwenden. Dazu ergänzten sie die Bibel
durch die mündliche Auslegung verschiedener Pharisäerschulen,
die später in der Mischnah zusammengefasst wurde. Die Evangelien
stellten die Pharisäer überwiegend negativ und zum Teil
historisch falsch dar. Historiker erklären das aus ihrer
Entstehungszeit: Nach der Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr.
gewannen die Pharisäer die Führung des Judentums
und grenzten die Christen aus. Darauf grenzten diese sich ebenfalls
polemisch gegen sie ab, obwohl Jesus ihnen nahe stand.
Jesu Verhalten zu Frauen war im patriarchalischen Judentum damals
neu und ungewöhnlich (Hanna Wolff). Auch sie folgten ihm von
Beginn an nach (Mk. 1, 31). Seine Heilwunder galten oft gerade Huren,
Ausländerinnen, Witwen oder kranken Frauen, die gesellschaftlich
ausgegrenzt wurden. Viele, die er geheilt hatte, versorgten ihn
und die Männer (Lk. 8, 2-3). Maria Magdalena stand ihm nach
dem Johannesevangelium besonders nahe (Jh. 11-12, 20, 16).
Die biblische und rabbinische Tradition betont die Einehe als
den legitimen Ort für Sexualität, verbietet außerehelichen
Sex jedoch nicht. Jesus selbst lehnte die Ehescheidung ab (Mk.
10, 1-12), um besonders Frauen vor Ehrverlust zu schützen
(Mt. 5, 27-32). Aber er gebot seinen Jüngern nicht die Eheschließung,
sondern ließ um des Himmelreichs willen Ehelosigkeit
zu (Mt. 19, 12). Ob er selbst eine Partnerin hatte, erwähnen
die Evangelien nicht. Falls er ein ausgebildeter Rabbi war, wäre
er laut Mischnah zur Ehe verpflichtet gewesen. Da er dem Verkünden
des Reiches Gottes Vorrang vor allen weltlichen Bindungen gab
(Mt. 6, 33), kann er unverheiratet und sexuell enthaltsam umhergezogen
sein. Die Erinnerung an eine Freundin Jesu kann aber auch später
getilgt worden sein, da sie sich nicht mit dem Bild des männlichen
Gottessohns vertrug (Luise Schottroff).
Die Frau wird auch in der urchristlichen Verkündigung hochgeschätzt.
Jesu Stammbaum Mt. 1, 1-17 erinnert bewusst an weibliche Außenseiter
in Israels Erwählungslinie: die Hure Rahab, die Ausländerin
Ruth, die vergewaltigte Witwe des Uria. Eine Frau salbte Jesus
vor seinem Tod (Mk. 14, 3-9). Nachfolgerinnen waren nach allen
Evangelien die letzten Zeugen seines Todes und die ersten Zeugen
seiner Auferweckung.
Zum damaligen Judentum
gehörten neben den schon erwähnten Mandäern, Essenern,
Pharisäern und Samaritanern weitere, oft verfeindete Gruppen:
Herodianer, Sadduzäer und Zeloten.
Herodes Antipas, ein von Rom eingesetzter König aus Idumäa
(Südjudäa), regierte damals Galiläa und Judäa.
Sein Vater, Herodes der Große, ließ Paläste bauen
und missbrauchte dazu Teile der Tempelsteuer. Er selbst heiratete
eine Nichte als Zweitfrau und ließ den Täufer Johannes
wegen dessen Kritik daran hinrichten (Mk. 6, 1729). Daher
waren die Herodianer den meisten Juden genauso verhasst wie die
Römer. Die Evangelien stellen sie wohl historisch zutreffend
auch als Gegner und Verfolger Jesu dar (Lk. 13, 31).
Seine Hauptgegner aber waren die hellenistisch geprägten,
vornehmen Sadduzäer. Als Erben der Leviten verwalteten sie
den Tempelkult in Jerusalem. Aus ihnen kam der Hohepriester, der
sein erbliches Amt auf Zadok, den Priesterkönig der Makkabäerzeit
zurückführte. Im Hinterland war ihr Einfluss zwar geringer;
doch wachten sie auch dort über die strenge Einhaltung der
biblischen Reinheits- und Opfergesetze. Da Jesus diese für
seine Jünger außer Kraft setzte (Mk. 7, 123),
wurde ein Konflikt mit ihnen unvermeidbar.
Die jüdische Oberschicht kooperierte eng mit den römischen
Besatzern. Diese ließen den Tempelkult zu, solange innerjüdische
Konflikte ihre Machtkontrolle nicht bedrohten Sie setzten Juden
als Steuereintreiber und örtliche Autoritäten ein, um
Judäa als Kornkammer für Rom auszubeuten.
- Da Jesus den Armen schon in Galiläa den Landbesitz zusagte
(Mt. 5, 5) und immer mehr Zulauf gewann (Mk. 10, 1.46), bahnte
sich auch mit den Römern ein Konflikt an. Nachdem er sich
zum Passahfest nach Jerusalem aufmachte, kam es dort zur direkten
Konfrontation mit den damaligen Autoritäten in Religion und
Politik: dem Hohenpriester Kaiphas und dem römischen Statthalter
Pontius Pilatus.
Seit Judas Makkabäus (ca. 170 v. Chr.) gab es in Israel offenen
Widerstand gegen Fremdmächte, die Israel ihre Religion aufzwangen.
Jüdische Befreiungskämpfer kamen oft aus dem früheren
bergigen Nordreich, wo die Exodustradition lebendig blieb. Auslöser
für gesamtjüdische Aufstände waren oft Königs-
oder Götterstatuen, die ein Fremdherrscher im Jerusalemer Tempel
aufstellen ließ. Das widersprach dem biblischen Bilderverbot
als Kehrseite des 1. Gebots (Ex. 20, 2ff).
Die Religionspolitik der Römer war anfangs toleranter als
die ihrer Vorgänger. Doch um 6 n. Chr. verordnete Augustus
allen Juden eine Volkszählung, um ihre Tributpflicht zu erzwingen
(nach Lk. 2, 1 der Kontext der Geburt Jesus). Judas Galiläus
organisierte einen Boykott dagegen. Nachdem er scheiterte, verübten
seine Anhänger vermehrt Anschläge gegen römische
Beamte und Soldaten. Die, die Meuchelmorde begingen, hießen
Sikarier (Dolchträger). Sie selber nannten sich
nach biblischem Vorbild "Zeloten" (Eiferer) und verweigerten
das Zahlen römischer Steuern. Diese galten vielen Juden als
Götzendienst, da der römische Kaiser auf den Münzen
abgebildet war und sich als Gott verehren ließ.
Nach Mk. 12, 1317 prüften Jesu Gegner sein Verhalten
zur Kaisersteuer, um ihn als Zeloten zu überführen und
an die Römer ausliefern zu können. Darauf soll er gesagt
haben: Gebt dem Kaiser, was ihm gehört, und Gott, was
Gott gehört! Das hieß offenbar: Der Kaiser ist
nicht Gott. Gebt ihm nicht, was Gott gehört: euch und euer
Volk. Jesus lehnte den Steuerboykott also nicht ab: Denn auch
er war ein Eiferer für Gottes Reich (Jh. 2, 17)
aus Galiläa.
Darum folgten ihm auch einige Zeloten nach: Dazu gehörte
wohl Judas Iskariot, der ihn später - aus Enttäuschung?
an Kaiphas verriet. Denn Jesus Anliegen war nicht, die
Römer mit Gewalt aus Israel zu vertreiben, sondern die Feindschaft
zwischen Juden und Heiden zu überwinden..
Wann und warum Jesus sich dem Zentrum des jüdischen Glaubens
zuwandte, ist ungewiss. Viele Historiker glauben, dass dieser Entschluss
ungeplant war und erst allmählich wuchs. Vielleicht pilgerte
er wie die meisten Juden vom Land nur einmal in seinem Leben in
die Tempelstadt: Dann wirkte er nur etwa ein Jahr öffentlich.
Er verließ Galiläa wohl, weil sich dort nach seiner
Predigt nichts entscheidend besserte. Das lassen seine Weherufe
über Galiläas Städte vermuten (Mt. 11, 20-24/Lk.
10, 13-16). Diese geprägten Klagen nehmen das Endgericht
vorweg, als sei es schon passiert: Das war in Israels Gerichtsprophetie
als letzter ultimativer Umkehrruf zu verstehen. Jesus vertraute
die besuchten Städte also Gottes Gericht an und zog weiter,
wie er es seinen Jüngern auch geboten hatte (Mt. 10, 14f).
Er zog nach der Enthauptung des Täufers nach Jerusalem (Mt.
14, 12): Sie kann ihn dazu veranlasst haben, sein Werk zuende
zu führen, ganz Israel zur Umkehr zu rufen und den jüdischen
Gottesdienst zu reformieren. Spätestens jetzt musste er mit
seinem gewaltsamen Tod rechnen (Mt. 14, 13). Er nahm diesen wohl
bewusst in Kauf (Mk. 8, 31 par.), um - wie der verheißene
leidende "Knecht Gottes" (Jes. 53) - ganz Israel von
Not, Krankheit, Unrecht und Sünde zu befreien (Mk. 10, 45).
Unterwegs folgten ihm einfache Juden, die ihn für den wiedergeborenen
Johannes, den Endzeitpropheten Elija oder sogar für den Maschiach
hielten (Mk. 8, 2730). Sie erwarteten offenbar eine Entscheidung
über die Rechtmäßigkeit seines Anspruchs.
Mit Jesu Einzug zum Passahfest beginnt für die Evangelien
seine Leidensgeschichte. Die Festpilger sollen ihn nach einer
historischen Passahliturgie als den erwarteten Davidssohn begrüßt
haben (Mk. 11, 9f): Gelobt sei das Reich unseres Vaters
David! Demnach sahen sie ihn als den ersehnten Retter und
neuen König Israels.
Daraufhin soll Jesus auf einem zuvor unberittenen Esel in die
Stadt geritten sein. Diese prophetische Zeichenhandlung erinnerte
die Menge an den Propheten Sacharja: Dieser hatte nach dem Tempelneubau
(um 530) einen gewaltlosen Messias der Armen angekündet,
der Gottes weltweites Abrüstungsgebot aufrichten und in Israel
zuerst durchsetzen würde (Sa. 9, 9-11).
Jesu Eselsritt bejahte diese Erwartung, grenzte sich aber gegen
das Bild eines machtvollen Herrschers und die Aufrichtung seines
Großreichs im Volk ab. Er wollte demnach kein kriegerischer
Anführer sein, sondern die biblische Prophetie des Völkerfriedens
durch Abrüstung (Jes. 2, 24/Mi. 4, 13) gewaltlos
anfangen zu erfüllen und so allen Völkern Gottes Reich
nahebringen.
Der Tempel spielt in den Evangelien eine wichtige Rolle. Jesu Verhalten
dazu ist nicht eindeutig. In Galiläa schickte er geheilte Patienten
zu den Priestern, damit diese ihre Gesundung amtlich feststellten
und sie wieder in die Gesellschaft aufnahmen (Mk. 1, 44). Seine
Tora-Auslegung lehnte die Opfer nicht direkt ab, ordnete sie aber
der Nächstenliebe unter (Mt. 5, 23f). Indem er im Tempel lehrte,
erkannte er diesen als Gotteshaus an. Auch die Tempelsteuer hat
er anders als die Kaisersteuer wohl gebilligt (Mk. 12, 41ff).
Doch in Jerusalem soll Jesus gegenüber seinen Jüngern
(Mk. 13, 2 par.) wie auch öffentlich (Mt. 23, 38 par.) die
Zerstörung der Tempelstadt angekündigt haben. Dabei
berief er sich auf Jeremia, der die Zerstörung des ersten
Tempels (586 v. Chr.) vorhergesagt hatte und dafür von den
Priestern fast getötet worden wäre (Jer. 26). Nach allen
Evangelien vertrieb Jesus kurz darauf die Händler und Geldwechsler
aus dem Tempelvorhof. Ohne sie konnten die religiösen Riten
nicht vollzogen werden, da nur sie die Opfer nur für jüdisches
Geld verkauften, die dann nur im Tempel dargebracht werden durften.
Ihre Vertreibung sollte den Tempel vom Opferkult reinigen
und die Tempelbesucher zu dessen Abschaffung anstiften. Diese
prophetische Zeichenhandlung sollte auch Nichtjuden Zugang zum
Gotteshaus eröffnen (Mk. 11, 17/Jes. 56, 7):
Steht nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Bethaus
für alle Völker heißen?
Jesu Tabubruch stellte den Tempelkult und die Führungsrolle
der Priester, also die gesamte bestehende Ordnung in Frage. Er
forderte die Elite des Judentums
zu einer eindeutigen Reaktion heraus.
3.3
Der Passionsbericht der Urgemeinde
|
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Jesu Festnahme, der Prozess gegen ihn, sein Tod und seine Auferstehung
nehmen die zentrale Stellung in den Evangelien ein. Sie wurden
als Passions- und Ostergeschichten mit ausführlicher
Einleitung (Martin Kähler) erst daraufhin verfasst.
Dabei folgen Matthäus und Lukas jetzt dem Ereignisablauf
ihrer Vorlage. Markus lag seinerseits ein älterer Passionsbericht
vor, den er in sein Evangelium einbaute. Dieser Bericht begann
wohl mit dem Verrat des Judas (Mk. 14, 10) und wurde allmählich
nach vorn erweitert. Er führt die von Paulus überlieferten
ältesten Credoformeln erzählend aus und geht daher wohl
bis auf die Jerusalemer Urgemeinde zurück (Ulrich Wilckens).
Markus hat diesen Passionsbericht mit deutlich antijüdischer
Tendenz überarbeitet, den römischen Statthalter entlastet
und den jüdischen Führern die Alleinschuld an Jesu Tod
gegeben. Darin spiegelt sich die bedrohte Lage der christlichen
Gemeinden im römischen Reich und die verschärfte Konkurrenz
mit jüdischen Synagogen nach dem verlorenen jüdischen
Befreiungskrieg (70 n. Chr.). Die endgültige Trennung vom
Judentum
stand bevor oder war bereits vollzogen.
In Getsemani versteckten sich oft Zeloten. Römische Soldaten
bewachten diesen Stadtwald. Nur sie durften Schwerter und Lanzen
tragen. Judas Iskariot soll eine so bewaffnete Truppe zu Jesus
Lager geführt haben (Mk. 14, 43). Doch dass ein enttäuschter
Zelot die Römer geholt hätte, ist historisch unglaubhaft.
- Der Hohepriester könnte Jesu Festnahme veranlasst haben.
Er selbst war jedoch nur für kultische, nicht politische
Kapitalvergehen, seine Tempelwache nur für den Tempelbezirk
zuständig. Darum bestreiten vor allem jüdische Historiker
wie Paul Winter, dass es überhaupt einen religiösen
Prozess gegen Jesus gab.
Doch sein Auftreten im Tempel konnte einen Volksaufstand beim
bevorstehenden Passahfest auslösen. Das hätte unvermeidlich
das Eingreifen der Römer, blutigen Kampf und das Ende der
religiösen Autonomie Israels provoziert. So ist die Abwägung
des Kaiphas plausibel (Jh. 18, 14): Es ist besser, dass
ein Mensch statt des Volkes stirbt. Da Jesus dessen Sympathien
besaß, wurde er mit List (Mk. 14, 1), nämlich
nachts (Mk. 14, 17. 49) festgenommen.
Ihm soll klar gewesen sein, was ihm bevorstand (Mk. 14, 48f):
Ihr seid vorgegangen wie gegen einen Mörder...dabei
war ich jeden Tag im Tempel, wo ihr mich festnehmen konntet. Aber
so soll die Schrift erfüllt werden! Man wollte ihn
offenbar als Verbrecher durch die Römer hinrichten lassen.
Diese nannten Zeloten Mörder, um deren Widerstand
zu kriminalisieren und ihre Unterdrückung zu legalisieren.
Den Tempelhütern lag aber gerade wegen fehlender eigener
Strafjustiz an einem legalem Verfahren, das ihre Autorität
bewies (Apg. 7, 57).
Laut Evangelien leisteten Jesu Jünger Gegenwehr. Diese habe
er sofort gestoppt, da er seinen Tod als Gottes vorherbestimmten
Willen annahm (Mt. 26, 51f/ Lk. 22, 50f). Daraufhin seien seine
Anhänger geflohen (Mk. 14, 50). Auch ihnen drohte Festnahme
und Hinrichtung.
3.5
Verhör vor dem Hohen Rat
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Der Sanhedrin, das oberste Religionsgericht Israels mit Sitz
in Jerusalem, repräsentierte die Führungsgruppen des
damaligen Judentums:
Pharisäer, Schriftlehrer (Rabbiner) und Sadduzäer. Das
Markusevangelium zählt sie häufig auf und lässt
so seine Redaktion erkennen. Die Tempelpriester stellten nach
jüdischem Gesetz die Mehrheit und waren nicht abwählbar.
Der Hohepriester war Chefankläger und Richter zugleich. Durch
römischen Einfluss hatte Kaiphas dieses Amt damals inne.
Er vernahm zuerst Zeugen, die behaupteten, Jesus habe Unmögliches,
nämlich den Abriss und Neubau des Tempels innerhalb von 3
Tagen geweissagt (Mk. 14, 58). Die Anklage gegen ihn lautete also
auf Falschprophetie, laut Dtn. 13, 2-6/18, 20 eins der schwersten
religiösen Kapitalvergehen.
Für Markus waren die Zeugen Lügner, die sich widersprachen
und so kein legales Todesurteil hergaben (Mk. 14, 56/Dtn. 19,
15ff). Doch ihre Aussage traf im Kern zu: Denn Jesus hatte bei
seiner Vertreibung der Opferhändler den Abriss des alten
Tempels gefordert und seinen Neubau angekündigt (Jh. 2, 19).
Eine solche Kultreform aber stand nach jüdischer Tradition
(2. Sam. 7, 13) nur dem Nachkommen Davids, also dem Messias zu
(Otto Betz). Das erklärt die Frage des Kaiphas im Verhör
Jesu (Mk. 14, 61):
Bist Du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?
Früher sahen NT-Forscher diese Frageform meist als christliche
Deutung an. Zwar vermieden hellenistisch gebildete Juden den Gottesnamen
(Rudolf Pesch), nannten den Messias aber sonst kaum exklusiv "Sohn
Gottes". Doch Schriften aus Qumran haben bestätigt,
dass dies zur Zeit Jesu möglich war.
3.6
Das Menschensohn-Bekenntnis
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|
Jesus antwortete laut Mk. 14, 62: Ich bin es... An
diesen Vers knüpften die Ich-bin-Reden bei Johannes
an, die der Evangelist großenteils selbst verfasste. Diese
folgen ihrerseits Gottes Selbstvorstellung in der Hebräischen
Bibel
(Ich bin der ich bin: Ex. 3, 14), besonders den Gottesreden
bei Deuterojesaja (z.B. Jes. 44, 24 - 45, 7).
Ob Jesus einen expliziten Messiasanspruch erhob, ist in der NT-Forschung
umstritten. Von allen Hoheitstiteln, die ihm im NT beigelegt werden,
taucht nur der "Menschensohn" in seinem Mund auf. "Sohn
Davids" - eine bei armen Juden verbreitete Umschreibung des
Messiastitels - wies er nicht zurück (Mk. 10, 47ff). Aber
nur dieses eine Mal bekennt er sich selbst als "Messias",
und dabei war keiner seiner Anhänger anwesend. Da die synoptischen
Evangelien sonst keine Belege dafür bieten, gilt der Vers
meist als nachösterlich.
Dennoch halten viele Historiker einen impliziten Messiasanspruch
des historischen Jesus für wahrscheinlich. Dafür sprechen
-
seine besondere, von der bisherigen Prophetie verschiedene
Verkündigung: Auf die Messiasfrage des Täufers (Mt.
11, 2-6/Lk, 7, 18-23) verwies Jesus auf sein Handeln, in dem
das verheißene Reich Gottes schon anbrach;
-
die ältesten Menschensohn-Worte, die schon in der frühen
Logienquelle nur in Jesu Selbstaussagen auftreten und seine
Vollmacht zum Dämonen austreiben, Heilen,
Sündenvergeben und Bruch des Sabbatgebots begründen
(Mk. 2, 10.28);
-
die persönliche Gottesanrede Abba (Papa,
lieber Vater);
-
der endgültige Entscheidungscharakter seiner Gleichnisse,
Streitgespräche und Gebotsauslegungen;
-
die endzeitlichen Heilszusagen (Seligpreisungen)
der Bergpredigt;
-
Zeichenhandlungen wie der Eselsritt beim Einzug in Jerusalem
und die Tempelreinigung, die nur dem Messias zustanden (Sa.
9, 6/14, 21);
- und nicht zuletzt die Selbsthingabe seines Lebens, da Jesus
die drohende Konsequenz seines Handelns bewusst war (Mk. 10,
45): nicht nur - wie andere Befreiungskämpfer oder Märtyrer
- für seine Jünger und sein Volk, sondern darüberhinaus
für alle Menschen (Mk. 14, 24).
Diese Handlungen zeigen jedoch auch deutliche Distanz zur tradierten
Messiaserwartung. Als Petrus erstmals bekannte: Du bist
der Christus!, folgt Jesu Hinweis auf sein bevorstehendes
Leiden und die notwendige Kreuzesnachfolge. Dabei verwendete er
den Menschensohn-Titel für sich (Mk. 8, 27-37). Auch hier
im Verhör ergänzt er sein Messiasbekenntnis:
...und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzend zur Rechten
der Kraft und mit den Himmelswolken kommen.
Das zitierte aus der dem Seher Daniel zugeschriebenen Vision vom
Endgericht Gottes: Siehe, es kam einer mit den Himmelswolken,
der sah aus wie eines Menschen Sohn... (Dan. 7, 13f). Diese
Verheißung folgt dort dem Ende, das Gott allen Gewaltimperien
setzt. Danach werde er all seine Macht dem "Menschenähnlichen"
übergeben, so dass ihm alle Menschen dienen würden.
Ein Messiasanspruch an sich war für die Sadduzäer noch
keine Todsünde: Da Israels Gott die Geschichte lenkt, wurde
sein Messias durch seinen historischen Erfolg ausgewiesen. Man
konnte ihn festsetzen und abwarten (5. Mose 18, 22). Andere jüdische
Messiasanwärter wie Simon Bar Kochba wurden im Judentum
trotz späterer Niederlagen hoch verehrt. Doch Jesus identifizierte
hier den Messias - sich - mit dem Menschensohn. Damit
bezog er dessen zukünftiges Handeln auf sein eigenes Vorhaben,
den Abriss und Neubau des Tempels. Er wollte den Opferkult abschaffen,
Ausländern Zugang zum Gott Israels gewähren und auch
ihnen so die Hoffnung auf ein Ende aller Gewaltherrschaft nahebringen.
Einen solchen Anspruch hat im Judentum
sonst niemand erhoben.
Kaiphas hörte aus Jesu Antwort eine Gotteslästerung
heraus (Mk. 14, 64). Ein direktes Verfluchen des Gottesnamens
kann nicht gemeint sein, weil gerade der historische Jesus das
1. Gebot achtete und den Gottesnamen - ebenso wie sein Ankläger
- auszusprechen vermied (vgl. Mt. 5, 33ff).
Doch indem Jesus die Messiasfrage bejahte und mit der Menschensohn-Ankündigung
ergänzte, schien er sich mit einem göttlichen Wesen
gleich zu stellen. Das war für Juden die Ursünde: Ihr
werdet sein wie Gott... sprach die Schlange im Paradies
(Gen. 3, 5). Die umständliche Satzkonstruktion verrät
aber, dass der Versteil sitzend zur Rechten der Kraft und...
später eingefügt wurde. Denn die Evangelien-Redaktion
setzte Jesu Auferstehung voraus und verkündete auch hier
den schon inthronisierten Christus (Apg. 2, 34). Jesus selbst
sprach sonst immer vom kommenden Menschensohn in der 3. Person.
Damit erinnerte er Israels Führer an Daniels Vision, um ihnen
eine Zukunft jenseits des Tempelkults zu geben, dessen Untergang
er ja vorausgesagt hatte. Obwohl sie drohend klingt ihr
werdet sehen! , ist seine Aussage eine Heilszusage.
Wegen seiner Kreuzigung glaubten die Urchristen, Jesus sei als
Gotteslästerer verurteilt worden. Denn diese Todesart galt
wie Aufhängen im jüdischen Gesetz als gerechte und notwendige
Strafe für einen Lästerer des Gottesnamens (Dtn. 21,
23). So wurde vom Tod auf das Todesurteil gefolgert. Doch Jesu
Messiasanspruch war damals keine Gotteslästerung. Christen,
die dies immer noch behaupten, behindern damit den notwendigen
Dialog mit Juden. Hier hilft das genaue Hinhören auf den
Text weiter.
Jesu indirekter Anspruch auf die Menschensohnwürde zwang
Kaiphas, ihn zu verurteilen. Denn er kündete Kaiphas mit
Gottes Endgericht seine Entmachtung an. Obwohl völlig machtlos,
stellte er sich damit über seinen Ankläger und Richter.
Dies musste Israels Führer provozieren, der sein Amt durch
die gesamte biblische Tradition legitimiert sah. Für die
Sadduzäer war Daniels Apokalyptik eine Irrlehre: Die Tora
legte den Hohenpriester als höchste irdische Rechtsinstanz
fest (Dtn. 17, 8-13).
Kaiphas nahm das Todesurteil vorweg, indem er sein Gewand zerriss:
eine Trauergeste, wenn ein Jude Zeuge eines Kapitalvergehens wurde.
Die Ratsmehrheit folgte ihm: Jesu Selbstaussage hatte für
sie die Anklage auf Falschprophetie voll bestätigt. Basis
des Urteils waren die strengen Toragebote zur Tötung von
Falschpropheten, Volksverführern und Götzendienern (Dtn.
13, 6/18, 20), so auch später bei der Hinrichtung des Stephanus
(Apg. 7, 56f).
Der vornehme Pharisäer Joseph von Arimathia aber stimmte
dem Urteil sicher nicht zu. Denn er bat Pilatus später, den
toten Jesus ehrenhaft bestatten zu dürfen (Mk. 15, 43-46).
Dabei sollten rechtmäßig verurteilte Falschpropheten
ohne Grab verscharrt werden, damit nichts an sie erinnerte. Aber
die Pharisäer glaubten wie Jesus an das Reich Gottes: Man
war also im Sanhedrin uneinig, ob er als todeswürdig anzusehen
sei oder nicht.
Die Evangelien folgen Markus und stellen das Vorgehen der Führer
Israels als böswillig geplanten und herbeigeführten
Justizmord dar (Mk. 14, 11/ 14, 55/ 15, 10f). Wäre das Todesurteil
einstimmig ergangen (Mk. 14, 64), dann wäre es nach dem Prozessrecht
des Talmud unrechtmäßig gewesen. So drückt Markus
die schuldhafte Mitverantwortung aller Führer Israels für
Jesu Tod aus. Doch wenn dieser sich im Verhör als Menschensohn
vorstellte, dann war das Todesurteil nach damaligem jüdischen
Recht juristisch zwangsläufig und gültig (August Strobel).
Da die Jünger alle geflohen waren - nur Petrus und einige
Frauen harrten im Innenhof des schwer bewachten Kaiphas-Hauses
aus (Mk. 14, 6672) -, erfuhren sie vom Prozessverlauf wohl
durch Joseph von Arimathia. Dessen Name war den Urchristen noch
Jahrzehnte später bekannt. Doch ihr Prozessbericht will kein
historisches Protokoll sein, sondern den erhöhten Christus
verkündigen. Markus bezeugt: Erst als es für ihn um
Leben und Tod ging, offenbarte der Menschensohn seine Identität.
So gab Jesus sein Leben für uns, als Petrus ihn unten im
Hof verleugnete. Darin zeigt sich: Das Bekenntnis zum "Sohn
Gottes" war für die Christen, an die sich dieses Evangelium
wandte, schon zur Lebensgefahr geworden.
Die Sadduzäer durften damals nicht hinrichten. Darum trafen
sie sich am folgenden Morgen erneut, um das Todesurteil in den
Vorwurf eines politischen Messiasanspruchs umzuformen. So konnte
man Jesus rechtmäßig und rechtzeitig zur Hinrichtung
an Pilatus übergeben.
Falschpropheten oder Gotteslästerer sollten nach jüdischem
Gesetz am Fest hingerichtet werden. Die nach dem Talmud
vorgeschriebene Ein-Tages-Frist zwischen Urteil und Vollstreckung
wurde in diesem Ausnahmefall missachtet. Bei einer akuten Gefahr
für Tempel und Stadt durfte eine Hinrichtung auch sofort
geschehen. Die Aufstandsgefahr beim Passahfest machte Jesus zu
so einer Gefahr (August Strobel).
Hinzu kam, dass der Falschprophet vor Beginn des Sabbats tot
sein musste, um Israel nicht zu verunreinigen. Darum nehmen vor
allem christliche Historiker an, dass Jesus am 14. Nisan (= 7.
April) des Jahres 30, dem Hauptfesttag des damaligen Passah, gekreuzigt
wurde.
Nach Markus, dem die übrigen Evangelien darin folgten, war
der römische Statthalter nicht von Jesu Schuld überzeugt
und bot dessen Anklägern seine Freilassung anstelle eines
anderen, bereits verurteilten Zeloten - Barabbas - an. Doch eine
Volksmenge habe ihn zur Hinrichtung Jesu gedrängt - Kreuzige
ihn! -, so dass er ihnen zuletzt nachgab (Mk. 15, 2-15).
Diese Darstellung halten Historiker heute für unglaubhaft.
Denn die Menge der Festpilger hatte Jesus nur Tage zuvor begeistert
als Messiasanwärter begrüßt (Mk. 11, 9). Die Sadduzäer
dagegen waren im Volk unbeliebt. Der Innenhof des Pilatuspalastes
bot auch nur wenigen Menschen Raum. Ferner war gerade Pilatus
nach zuverlässigen römischen Quellen ein skrupelloser
Machtpolitiker, der jüdische Tradition und innerjüdische
Konflikte ignorierte. Er ließ Juden häufig ohne Rechtsverfahren
hinrichten, bis man ihn deshalb absetzte. Daher ist unwahrscheinlich,
dass er Jesus gegen Kaiphas in Schutz nahm. So stellten es die
Evangelisten wohl dar, um die Christen gegenüber den römischen
Machthabern von den Juden zu unterscheiden, nachdem deren Aufstand
im Jahr 70 gescheitert war. Sie zeigen eine deutliche Tendenz,
die Römer von der Schuld am Tod Jesu zu entlasten und dafür
die Juden zu belasten.
Der Passionsbericht lässt aber erkennen, dass es eine Absprache
zwischen Kaiphas und Pilatus gegeben haben muss. Sein Angebot,
einen Mörder (Zeloten) zum Tausch für Jesus
freizulassen, sollte das Volk beruhigen (Mk. 15, 615). Demnach
war eine Hinrichtung ohnehin geplant. Doch Jesus war offenbar
für die Sadduzäer gefährlicher als Barabbas. Auch
Pilatus und Herodes sollen darüber Freunde geworden sein,
dass sie den Todeskandidaten verhöhnten (Lk. 23, 11f). Beide
konnten nichts an Jesus finden und beseitigten ihn gerade deshalb.
Der gewaltlose Messias der Armen, der keine Macht besaß,
war ihnen dennoch im Weg. So wird das Zusammenspiel zwischen römischen
Besatzern und jüdischen Kollaborateuren sichtbar.
Pilatus senkte den Daumen und überließ Jesus seinen
Folterknechten (Mk. 15, 15-19). Römer, nicht aber Juden ließen
Verurteilte öffentlich geißeln und verhöhnen.
Markus übertrug diese Folterszene aus dem römischen
in den jüdischen Prozess Jesu (Mk. 14, 65). - Danach zwang
man ihn, sein Kreuz zum Richtplatz vor die Stadtmauer zu tragen.
Als der Gepeinigte unterwegs zusammenbrach, wurde ein jüdischer
Landarbeiter genötigt, ihm die Last abzunehmen. Diese brutale
Willkür führte allen Juden am Fest der Befreiung ihre
Sklaverei vor Augen.
Dass der Passionsbericht den Kreuzträger Simon von
Kyrene aus der nordafrikanischen Exilsgemeinde Kyrenaika
und seine Söhne beim Namen nennt, ist aufschlussreich: Juden
litten mit und für Jesus und teilten sein Geschick, als seine
Anhänger ihn schon verraten, verleugnet und allein gelassen
hatten. Es gab demnach anfangs keine Feindschaft zwischen Christen
und Juden, sondern ein gemeinsames Leiden, Erinnern, Hoffen: auch
und gerade im Diasporajudentum, wo sich das Christentum
zuerst ausbreitete.
Jesu Hinrichtung durch Pilatus gilt als historisch gesichertes
Faktum, das auch außerbiblische Quellen wie die Tacitusnotiz
bestätigen. Den Grund dafür nennen diese allerdings
nicht.
Nach allen Evangelien verurteilte Pilatus ihn als König
der Juden. Demnach hielt er ihn für einen Zelotenführer,
der nach römischem Recht wegen Hochverrats hinzurichten war.
Dies bestätigt die römische Tafel über dem Kreuz:
Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum (Jh. 19, 19). Die Evangelien
bestreiten aber, dass Jesus einen bewaffneten Aufstand plante
(Lk. 22, 38) und deuten an, dass die Sadduzäer ihn als Aufrührer
denunzierten, um seine Hinrichtung zu erreichen. Für sie
stellt der Kreuzestitel kein angebliches Verbrechen fest, sondern
bestätigte Jesus Messiasanspruch.
Laut Jh. 19, 21 protestierten die Sadduzäer erfolglos gegen
die Inschrift, obwohl sie Jesus ja mit dem Vorwurf eines Messiasanspruchs
an Pilatus übergeben hatten. So bleibt fraglich, warum sie
ihn als Gefahr sahen, die gegen die Tradition (Dtn. 18, 22) ein
rasches Todesurteil und sofortige Auslieferung erzwang. Erst nachdem
Pilatus abgesetzt war, konnten sie kultische Vergehen wieder selbst
ahnden. Das jüdische Todesurteil für Gotteslästerung
oder Falschprophetie war die Steinigung. Sie wurde erstmals wieder
am tempelkritischen Urchristen Stefanus vollzogen (Apg. 7, 56).
Die Kreuzigung war die übliche Hinrichtungsmethode des römischen
Kaiserreichs für Aufständische, entlaufene Sklaven und
Ausländer. Diese grausame Strafe sollte alle Augenzeugen
demütigen und von der Teilnahme an Aufruhr abschrecken. Sie
galt Juden als Gottesfluch für Gotteslästerer (5. Mose
21, 23/ Gal. 3, 13), die so aus dem erwählten Volk ausgeschlossen
wurden. Sie konnte je nach Ausführung tagelang dauern, bis
der Gehängte verdurstete oder an seinem eigenen Körpergewicht
erstickte.
Der Passionsbericht nennt aber keine Details des Vorgangs, sondern
stellt nur geradezu monoton den Ablauf dar: in der 3. ...
der 6. ... der 9. Stunde.... Das betont in der Sprache der
jüdischen Apokalyptik (Dan. 7, 12) Gottes vorherbestimmten
Plan. Die NT-Aussagen des Gekreuzigten variieren. Im ältesten
Evangelium rief er kurz vor seinem Tod auf Aramäisch "Mein
Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" (Ps. 22,
2). Das Psalmzitat stellt ihn in die Reihe der zu Unrecht verurteilten
Juden, die an Gottes Gerechtigkeit appellieren. In der späteren
Kirchentheologie spielen Jesu Aussagen während seines Martyriums
als die "Sieben Letzte Worte" eine wichtige Rolle.
Pilatus soll überrascht gewesen sein, dass Jesus relativ
schnell, vor Ablauf eines Tages, verstarb. Er ließ seinen
Tod nochmals amtlich feststellen, bevor er seinen Leichnam zur
Bestattung freigab (Mk. 15, 44f). Römische Freigabe und jüdische
Grablegung eines Gekreuzigten waren damals höchst unüblich.
So betonen alle Evangelien die Aussage des urchristlichen Credos:
"gestorben und begraben." Damit reagierten sie wohl
schon auf eine gnostische Legendenbildung, die Jesu Tod leugnete
und damit sein österliches Erscheinen erklärte.
Das urchristliche Bekenntnis lautet: Diesen Jesus hat Gott
auferweckt! (Apg. 2, 32). Dieses Ereignis nach Jesu Tod
ist der Kern und Ausgangspunkt der urchristlichen Verkündigung:
Damit betonten die ersten Zeugen, dass Gott dem angeblichen Gotteslästerer
gegen seine Richter, aber für sein Volk endgültig Recht
gegeben und die endzeitliche Wende vom ewigen Tod zum ewigen Leben
eingeläutet habe. Hier endet die historische Darstellung
der Person Jesu, und der Glaube an ihn beginnt.
Der Artikel Jesus Christus im Neuen Testament stellt Inhalte
und Entwicklung zentraler urchristlicher Glaubensaussagen dar.
Er geht von den Ostertexten aus und erfragt auch deren möglichen
historischen Hintergrund. Mit dem Abschluss der nachösterlichen
Jesus-Erscheinungen begann die Geschichte des Christentums
und der Kirche. Wie Jesus Christus dort gesehen wird, behandelt
der Artikel Christologie.
Die Evangelien, aus denen fast alles Wissen über Jesus stammt,
sind eine besondere antike Literaturform: Sie wurden von Christen
meist jüdischer Herkunft verfasst, die an Jesu Auferstehung
glaubten (Mk. 16, 6) und ihn als den Christus verkündeten,
indem sie sein Leben deutend nacherzählten. Gesicherte biografische
Daten waren ihnen dazu kaum wichtig und wurden, soweit bekannt,
ihren Missions- und Lehrabsichten eingeordnet. Während Skeptiker
das NT daher als voreingenommene Quelle beurteilen, halten heutige
Christen historische Angaben darin oft dennoch für glaubwürdig.
Seit der Neuzeit versucht die Leben-Jesu-Forschung intensiv,
historische von geglaubten Tatsachen im NT methodisch zuverlässig
zu unterscheiden. Seit 200 Jahren erwog sie jede denkbare Hypothese,
bezweifelte sogar Jesu Existenz oder ergänzte fantasievoll
fehlendes Wissen. Viele der so gemalten "Jesusbiografien"
verfehlten die Eigenintention der Texte und gelten seit Albert
Schweitzer (1899) weithin als überholt. Der gleichnamige
Artikel beschreibt die wichtigsten NT-Forscher, ihre Thesen und
die Forschungsentwicklung, um so das nötige Hintergrundwissen
für den historischen Jesus zu bieten. Hinzu kommen einige
spekulative Theorien über Jesus von Nazaret, die die seriöse
NT-Forschung jedoch heute weithin verwirft.
Zu ihrem Grundkonsens gehört, dass die Evangelien wahrscheinlich
erst ab der Tempelzerstörung im Jahr 70 (Markus) bis zum
Ende der Eigenstaatlichkeit Israels nach dem Bar-Kochba-Aufstand
133 n. Chr. (Johannes) schriftlich fixiert wurden. Nur wenige
Historiker vertreten ein früheres Entstehungsdatum einzelner
Evangelien. Demnach kannte wohl keiner ihrer Autoren Jesus persönlich.
Aber historisch-kritische Textanalysen haben ergeben, dass alle
Evangelien eigene mündliche Tradition von "Augenzeugen"
der ersten Christengeneration (Lk. 1, 2) verarbeiten, die zum
Teil schon in schriftlichen Quellen wie der vermuteten Logienquelle
(Mt/Lk) und einem frühen Passionsbericht aus Jerusalem (Mk)
vorgegeben war. Deren früheste Anteile stammen von Jüngern,
die Jesus zu Lebzeiten folgten. Diese waren zugleich alle Juden,
die Israels biblische Überlieferungen treu bewahrten. Daher
gehen heute auch nichtchristliche Historiker in der Regel davon
aus, dass Jesus gelebt hat und sich relativ sicher ermitteln lässt,
was er verkündete, wer er sein und was er tun wollte.
Dazu überprüfen sie NT-Aussagen auch anhand außerbiblischer
Kenntnisse. Dazu gehören neben den wenigen zeitgenössischen
Notizen zu Jesus heute verstärkt archäologische, sozialgeschichtliche
und orientalistische Forschungsergebnisse. Die Schriftfunde von
Qumran und die Judaistik erlauben ein differenziertes Bild des
palästinischen Judentums
zur jener Zeit. Dies hat manche von theologischen Vorurteilen
bestimmte Sichtweisen - etwa Jesu angebliche "Aufhebung"
der Tora und sein Gegenüber zum Pharisäismus - als unhaltbar
erwiesen. Auch seine apokalytischen und weisheitlichen Predigt-Motive
werden nicht mehr vom Judentum
abgerückt. Andererseits hält man auch sein messianisches
Selbstverständnis und seine bewusste Leidensannahme heute
eher für historische Eigenverkündigung als nur für
nachösterliche Deutung.
teilweise aus Wikipedia,
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